Auf dem Heimweg

Nun geht es definitiv nach Hause. Ich fliege nach Europa und habe nur noch einen "Katzensprung" von weniger als zweitausend Kilometern vor mir. Unterwegs besuche ich noch die Geburtsorte meines Rades und von dessen Herzstück, dem Getriebe, und überfahre nebenbei die 20'000-Kilometer-Marke.

Meine letzten Tage in Asien

Von Machen nach Aba ist es nicht weit. Aber wie ich fast erschreckt feststelle, komme ich plötzlich in eine beinahe andere Welt. Denn auf dem Weg nach Aba überschreite ich auch die Grenze zwischen den Provinzen Qinghai und Sichuan. Und in Sichuan - wo sich Aba befindet - ist alles schon viel, viel zivilisierter. Es hat viele Geschäfte, viele recht saubere, geteerte Strassen, Hotels im Überfluss - sogar englischsprechendes Personal (!) - Duschen (wenn auch das Wasserversorgungssystem öfters ausfällt) und vieles mehr.

Hier sind die Leute und die Kultur einfach anders, ich frage mich weshalb. Die verschiedenen chinesischen Provinzen mögen einen Unterschied ausmachen, doch so lange bestehen diese noch nicht. Vermutlich liegt es teilweise daran, dass in dieser Gegend die Grenze der historischen tibetischen Provinzen Amdo und Kham liegt. Der Unterschied ist schon auf dem Land drastisch, statt kleinen, relativ flach gebauten Häusern findet man in Sichuan plötzlich die grossen "typisch" tibetischen Häuser aus Lehm oder Steinen - sie sind meist mehrstöckig, haben leicht schräg gegen innen verlaufende Aussenwände und ähneln mit ihrer trutzigen Bauweise  Burgen. Auch die Leute sind anders, weniger im Aussehen als im Verhalten. Mir scheinen sie aufgeklärter, zurückhaltender und weniger neugierig. Es ist schon fast Erholung für mich, endlich nicht mehr andauernd die gleichen Fragen nicht beantworten zu können ;-)

Nach einer Pause in Aba nehme ich noch das letzte Stück nach Chengdu in Angriff. So richtig in Fahrlaune bin ich eigentlich nicht mehr, ich will aber dennoch nicht all zu früh in Chengdu sein. So mache ich dann noch einen Umweg in die Gegend des Gyarong. Eine Gebiet, das bereits tibetisch ist, trotz der nähe zu der chinesischen Grossstadt Chengdu. Es liegt dementsprechend auch schon ziemlich in den Bergen, meist immer noch über 2500müM, durchsetzt mit steilen Schluchten. Allerdings lohnt sich das wegen meist schlechtem Wetter schlussendlich nicht wirklich...

Leider sind die Strassen zum Teil in erbärmlichen Zustand. Das liegt am Beben von Sichuan vor etwa zwei Jahren. Das Epizentrum dieses Bebens lag nahe an Chengdu, und die Strassen in den Bergen sind naturgemäss nicht so einfach und schnell zu reparieren. Trotzdem hat es bereits viel Verkehr, und leider immer wieder Regen. So komme ich noch einmal in den vollen "Genuss" von ein paar der übelsten Schlammfahrten. Manchmal versinke ich bis zu den Radnaben in der Brühe, und schätze es noch einmal richtig, mit einer geschlossenen Getriebenabe unterwegs zu sein. Ich glaube nicht, dass ich ohne fahrend durchgekommen wäre ...

Chengdu

Dann wird es aber doch Zeit, mich nach Chengdu aufzumachen. Noch einmal fahre ich auf 4600müM, das Wetter wechselt zwischen Regen und Wind. Die Siguniang Shan - Four Girls Mountains oder Vier-Jungfrauen-Gebirge - sehe ich deshalb leider nicht, obwohl ich fast an ihnen vorbei fahre. Anscheinend vier wunderschöne, schneebedeckte Gipfel.

Danach geht es nur noch abwärts. Innerhalb von etwas mehr als einer Tagesfahrt verliere ich ungefähr viertausend Meter an Höhe! Am Anfang führt mich die Strasse noch einmal durch eine tiefe Schlucht und durch das Dörfchen Wolong. Leider ist die Strasse fast durchgehend von Erdrutschen verschüttet und eine einzige Baustelle. Und wohl deshalb ist auch das Panda-Aufzuchtzentrum in Wolong geschlossen. Danach kommen schon bald die grossen Teerstrassen, viel Schwerverkehr und kaum bin ich aus den Bergen wird es städtisch. Ich komme nach Chengdu, einer von Chinas ganz grosssen Städten.

Hier will ich mich noch eine Weile erholen, und mich auf den Rückflug nach Europa vorbereiten. Es gibt einiges zu tun. Ich wasche, sortiere und verpacke alles für den Flug. Was nicht mehr gebraucht wird - zum Beispiel all die warmen Kleider, die ich in den Bergen dabei hatte - sende ich zurück oder verschenke es andere Reisende.

Ja genau, endlich treffe ich auch wieder einmal Westler an. Ich Wohne in Sim's Cozy Garden Hostel. Ein Ort genau richtig, um mich eine Zeit lang ein bisschen zu entspannen. Dabei treffe ich auch auf verschiedene, ziemlich interessante Menschen. Beispielsweise ein kanadisches Radler-Paar, er ist Vegetarier - ich stelle mir das in China ziemlich schwierig vor, aber sie sind durchgekommen. Oder ein frühpensioniertes schweizer Ehepaar, das jetzt seit drei Jahren um die Welt reist. Sie wollen noch mindestens weitere zwanzig Jahre anhängen, mit der Pension lasse es sich im Ausland viel besser leben, und man kann das ganze ja auch noch mit Reisen verbinden. Ich bin fast ein bisschen neidisch auf die Gemütlichkeit, die sie sich leisten können. Sie bleiben meist mehrere Wochen, sogar Monate an einem Ort und erkunden diesen dann wenn möglich mit einem gemieteten Fahrzeug.

Der Flug

Dann kommt, was ich immer ein bisschen fürchte: Der Flug. Mit Fahrrad, da ich ja statt nur in Amsterdam zwischenlanden gleich dort aussteigen will. Dieses Mal läuft aber alles perfekt. Den Karton kriege ich vom Hostel, er wurde von einem anderen Radler hier gelassen. Zum Flughafen lasse ich mich mit einem Taxi bringen, denn beim ersten Probeversuch habe ich die doch dreiundzwanzig Kilometer entfernte Einfahrt nicht gefunden - es wird gerade gebaut. Also komme ich völlig entspannt und mit viel Zeitreserve und einem bereits am Vortag verpackten Rad und Gepäck dort an. Nach kurzer Wartezeit werden die Schalter geöffnet, der Checkin läuft problemlos und bezahlen muss ich auch noch weniger als vereinbart - 55Euro statt deren 200 ;-)

Der Flug ist ruhig und langeweilig, immerhin dauert er zehn Stunden. Mir kommt es allerdings ziemlich abstrakt vor, über Orte zu fliegen, wo ich schon einmal durchgeradelt bin oder gerne würde, wie die Mongolei. Oder beispielsweise Kirgistan, das gerade die News dominiert. Und auch seltsam, in wenigen Minuten die Distanz von ganzen Tagesreisen per Rad zurückzulegen.

Europa

In Amsterdam wird mir das Rad dann gebracht, noch bevor ich mein restliches Gepäck vom Band nehmen kann. Dieses Mal wurde es scheinbar auch recht gut behandelt. Ich baue es zusammen und fahre los, in die Stadt. Es kommt mir seltsam vor. Hier habe ich endlich wieder einmal richtig Sonne und strahlend blauen Himmel. Etwas das ich lange vermisst habe. Und (fast) jedermann ist weiss, ich muss mich daran gewöhnen, das wieder als normal zu empfinden. Bis vor kurzem hiess das, endlich wieder einmal Jemand zum Reden gefunden zu haben. Jetzt ist es nur noch normal. Auch ich bin hier normal, selbst mit meinem beladenen Rad. Es schaut so aus, als würden wirklich alle Niederländer Rad fahren. Man sieht Mütter, die ein Rad mit drei Kindern und einem Einkauf beladen durch die Gässchen steuern, Hunde, die im Lenkerkörbchen sitzen und Parkplätze mit buchstäblich tausenden von Hollandrädern.

In Amsterdam habe ich mir wieder einmal einen Host gesucht, und das Casa Robino gefunden. Eine Wohnung, welche für Reisende offen ist, voller Leute aus verschiedensten Nationen. Einige bleiben gleich Wochen oder Monate. Gerade ist auch Fussball-WM, und die Holländer gewinnen das Halbfinale, ganz Amsterdam feiert!

Bald darauf zieht es mich weiters, zuerst noch Richtung Norden und Osten, durch das typische Holland der Deiche, Agrarkultur und Windmühlen. Mein nächstes Ziel heisst Heerenveen, an den Ort, wo mein KOGA "geboren" wurde. Als ich bei KOGA ankomme, erklärt man mir, dass es leider nicht möglich sei, mir die Firma zu zeigen. Doch als ich mir im Showroom die Austellungsmodelle anschaue, kommt ein Mann vorbei und fragt mich, was ich hier tue. Eine kurze Erklärung, ein Telefon und schon kriege ich eine Privatführung durch die Konstruktionsbüros, Montagehallen und Lagerplätze. Ich bin überrascht wie klein die Firma eigentlich ist. Und sehe, dass hier wirklich nicht zu viel versprochen wird, die Räder werden komplett von Hand aufgebaut. Jedes Rad wird von einem einzigen Monteur - vom Rahmen bis zum letzten Detail - zusammengeschraubt, und auch die Qualitätsversprechungen scheinen nicht übertrieben zu sein. 

Mitten in der Führung kommt dann auch noch ein schottischer Radler dazu, der ebenfalls sein KOGA hierhin gefahren hat, und  den Monteur seines Rades kennenlernen will. Leider habe ich nicht daran gedacht, zu schauen wer meiner war... Sogar der Geschäftsleiter hat von uns Wind bekommen und kommt noch kurz vorbei.

Nun fahre ich noch einmal einen Bogen entlang der Nordseeküste, um dann Richtung Deutschland zu halten. Nur wenige Kilometer nach der Grenze steht noch einmal ein Fotohalt an: Ich habe die 20'000-Kilometer-Marke überfahren! Allerdings kommt mir das nicht mehr sehr speziell vor, irgendwie bedeuten die Kilometer immer weniger und verkommen mehr und  mehr zu einer reinen Wartungsinformation.

Für eine solche ist es allerdings Zeit. Meine Getriebenabe hat schon seit langem ab und an kleine Hickser. Das heisst, in ein paar Gängen rutscht die Schaltung ab und an etwas durch. Langsam scheint es schlimmer zu werden. Also noch ein guter Grund mehr, direkt auf mein nächstes Ziel zuzuhalten: Kassel. Hier ist die Firma Rohloff - der Hersteller der Getriebenabe - zu Hause. Unterwegs wird die Gegend immer hügeliger und waldiger. Nach den endlosen komplett flachen Gegenden in Holland eine angenehme Abwechslung wieder einmal Steigungen zu fahren, Sonne hin oder her. Dafür hat es auch immer wieder ausgedehnte, kühlende Waldgebiete.

In Kassel finde ich wieder einmal kurzfristig einen Host. Ich komme in einer WG unter, wo ich auf dem Sofa in der Küche schlafe. Nicht superbequem, aber so etwas macht mir schon lange nichts mehr aus. Rohloff erweist sich als extem Kundenfreundlich. Ich bringe mein Rad am Morgen vorbei und kann es am Abend repariert wieder abholen. Dichtungs- und Ölwechsel inklusive und auf Garantie ;-) Für mich wirklich überzeugender Service, total unkompliziert und freundlich. Da ist ein so kleiner Defekt nach über zwanzigtausend Kilometern verzeihbar, zumal jetzt wieder für tausende von Kilometern keine Probleme zu erwarten sind.

Nun will ich über Frankfurt und je nach verbleibender Zeit noch Saarland und Schwarzwald nach Hause fahren, wo bereits die Vorbereitungen auf meine Welcome Back Party am laufen sind.