Wieder zu Hause

Die letzten Kilometer

Irgendwie geht jetzt plötzlich alles so schnell. Ich bin nur noch ein paar wenige Tage und Kilometer von zu Hause entfernt - bereits erinnert mich alles ein bisschen an die Schweiz. Das Klima - mal sommerlich schön, aber immer mehr auch dieser gemeine Dauerregen. Die Landschaft - sanfte Hügel, überall Felder, kleine Strässchen, alles nah zusammen. Mit vielen Einfamilienhaussiedlungen. Details - die Strassenlaternen zum Beispiel. Eine davon wird mir noch beinahe zum Verhängnis. Sie wurde nur wenige Zentimeter neben den Rand des Radweges gepflanzt. Ich fahre ein bisschen gelangweilt nahe am diesem Rand und schon knallt mein Lenker in die Laterne. Ich habe noch einmal Glück im Unglück, der schlimmste Schaden ist ein kleines Loch in der Hose und eine Schürfung darunter.

Ich versuche, möglichst viel auf Radwegen zu fahren, was aber nicht immer ganz einfach ist. Schliesslich will ich nicht für ganz Deutschland detaillierte Radkarten kaufen, und so verfahre ich mich immer wieder mal ein bisschen. Dann nehme ich halt einfach die Hauptstrassen - geht ja auch. Viele verstehen das zwar nicht, aber ich habe mich schon auf viel üblere Strassen gewagt. Obwohl, vielleicht ist es hier doch gefährlicher, denn die Leute in Mitteleuropa rechnen schlichtweg nicht mit Aussergewöhnlichem - manchmal scheint mir dieses Verhalten gefährlicher als das Chaos auf asiatischen Strasssen. Dort weiss einfach Jeder, dass mit ALLEM zu rechnen ist!

Natürlich gibt es auch gute Radwege. Zwischen Kassel und Frankfurt finde ich zum Beispiel einen Bahnradweg. Die Geleise einer Bahn wurden entfernt und ein schmaler Weg auf das Trassee geteert - fährt sich echt angenehm (und richtig faul mit maximal 2%  Steigung ;-) Auch einige sehr schöne Strecken finde ich, zum Beispiel um den Flughafen Frankfurt herum - Kilometerweise angenehm kühler Wald. Im Schwarzwald lande ich dafür ab und an auf Mountain-Bike-Trails - die Leute schauen dann ganz schön verdutzt wenn ich mein geladenes Rad über kleine Steintreppen hochschleppe...

Ich komme schlussendlich ein paar Tage früher heim als eigentlich geplant, denn gegen Ende Juli zu hört der Regen kaum mehr auf. Nicht dass ich mir das nicht inzwischen gewohnt wäre. Aber gerade Lust darauf habe ich auch nicht, und so fahre ich die letzen Tage immer schneller und gerader auf Winterthur zu.

Es ist dann doch ein komisches Gefühl, kurz vor Schaffhausen plötzlich am Grenzschild Deutschland - Schweiz zu stehen. Und erst die vielen winzigen Sachen, die die Schweiz ausmachen, alles was ich seit Kindertagen kenne. Es sind meist unwichtige Details, aber alles fällt mir auf: Die blauen Strassenschildchen, die Rautenmuster auf den Strassentafeln, die gute Farbe der Radwegschildchen (Rot, das sieht man wenigstens!), das Verhalten und die Kleidung und das Aussehen der Leute, der Geruch aus den Küchen, die Bauweise von Zäunen, Postautos ...

Und plötzlich wieder zu Hause

Und dann komme ich auf Strassen die ich kenne. Und dennoch sieht plötzlich alles fremd aus. Es ist zusammengesetzt aus all den Elementen aus denen die Schweiz besteht, aber irgendwie trotzdem total fremd. Das Gefühl wird immer stärker. Mir fällt auf, wie wenig wir normalerweise unsere Umgebung wahrnehmen. Erst wenn man sie lange Zeit nicht mehr gesehen hat erkennt man sie wieder als das was sie ist.

Das Gefühl hält auch an, als ich wieder in meiner Wohnung bin - meine Freundin hat die Wohnung ja behalte während ich weg war. Es ist ein seltsames Gefühl. Bis auf wenige Veränderungen kenne ich ja noch alles, ich muss nicht überlegen wo die Lichtschalter oder die Trinkgläser sind, kenne mich blind aus. Und doch fühle ich mich nicht zu Hause hier. Irgendwie kommt mir alles wie ein Traum vor. Aber ich weiss dass es Realität ist. Auch unsere Beziehung ist am Anfang noch schräg. Wir tasten uns vorsichtig aneinander an, und kennen uns doch schon so gut. Aber wir haben uns beide eben auch an unsere Freiheiten gewöhnt. Es braucht Zeit sich wieder daran zu Gewöhnen sein Leben mit Jemandem zu teilen.

Diese Gefühle lassen nach einigen Tagen oder Wochen nach - irgendwann kehren sie sich sogar um ins Gegenteil. Irgendwie wirkt der Gedanke an die Reise plötzlich abstrakt - mir kommt es manchmal so vor als wäre ich nie weg gewesen und die Reise nur ein Traum. Doch immer wieder wird mir auch bewusst, dass ich mich doch verändert habe. Ich sehe die Welt jetzt mit anderen Augen. Ich weiss von was die Nachrichtensprecher da reden - und ich weiss es häufig besser. Gerade sind verschiedene (zusammenhängende) Klimakatastrophen aktuell: Torfbrände in Russland und Überschwemmungen in Pakistan. Auf der Strasse und in den Medien wird für Spenden aufgerufen. Aber mir kommt das ganze unehrlich vor. Anstatt solche Katastrophen zu verhindern kaufen wir uns einfach frei, indem wir ein paar Franken auf irgendein Konto überweisen - und dann die "Erlaubnis" besitzen das ganze Elend zu vergessen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das wirklich hilft. Denn Schuld ist schlussendlich das Klima (sehr unbequem wenn man dieses stabilisieren will) und die Armut (auch nicht so viel einfacher zu bekämpfen). Den Leuten wird kurz geholfen zu überleben, dann vergisst man sie wieder - bis zur nächsten Katastrophe...

Aber auch im Kleinen hat sich meine Welt verändert. Viele Sachen, die mir früher wichtig waren werden gleich entsorgt als ich nach Hause komme. Richtig befreiend ;-) Mir fällt es manchmal auch schwer, die vielen Leute zu verstehen, die hier so oberflächlich vor sich hin leben. Irgendwie sind wir nicht anders als die Pakistaner, die sich halt mit der grossen Menge mittreiben lassen und wie alle am Flussufer ein Häuschen bauen. Wir füllen uns aus mit Arbeit und Vergnügen. Dabei vergessen wir häufig die Reflektion. Ich bin mir nicht sicher, ob vieles überhaupt wirklich unser Wunsch ist...

Das klingt jetzt alles ein bisschen pessimistisch. Das heisst jetzt aber nicht, dass ich depressiv werde, keine Angst! Ich schätze es durchaus, wieder zurück bei Freundin, Familie und Kollegen zu sein. Diese Menschen und Gesundheit sind nämlich das einzig Wichtige, das man in seinem Leben hat. Speziell wenn es ein so angenehmes Leben ist, wie ich es hier geniessen darf, also keine weiteren Sorgen haben muss - oder sollte. Mit bestem Essen, einem luxuriösen Bett und ziemlich sauberer Luft und Trinkwasser direkt ab Leitung!

Auch mein Rad hat die Reise nicht schlecht überstanden, ein paar Sachen zeigen sich aber bei der grossen Revision doch. An der Vordergabel ist eine Anschweissöse für die Befestigung des vorderen Gepäckträgers gebrochen - Koga wird dies wohl in Garantie erledigen. Und auch Lenk- und Tretlager sind ziemlich schlecht beieinader, kein Wunder bei all dem Dreck und den Schlägen. In China liess ich das Tretlager einmal aufschrauben. Es war gefüllt mit Schlamm!

Das alles wird mein Koga natürlich nicht davon abhalten, weitere Reisen mit mir zu unternehmen - und mich schon gar nicht. Und wer weiss, vielleicht ist nächstes mal sogar meine Freundin mit dabei :-)