Die Karibikküste

San Gil verliessen wir per Bus. Damit ersparten wir uns eine der schönsten aber härtesten Strecken in Kolumbien, den Chicamocho-Canyon. Die Räder wurden in den Kofferraum des Buses hineingequetscht, sie passten gerade so. Der Bus brachte uns nach Bucaramanga, wo wir das erste Mal bei einer Warmshowers Gastgeberin wohnen konnten. Warmshowers ist eine Internetplattform, um Gastgeber und Radfahrer zusammenzubringen. Wir können gratis wohnen und beteiligen uns bei den Einkäufen.

Andrea, unsere Gastgeberin, ist ein absoluter Bikefreak. Sie ist die Gründerin von mujeres bici-bles. Diese Organisation kümmert sich um die Förderung des Radverkehrs in Städten, speziell für Frauen. Das heisst sie kümmern sich um Radfahrerrechte und Infrastruktur (In Bucaramanga gibt es keine Radwege), vor allem aber lehrt mujeres bici-bles Frauen das Radfahren. Im Gegensatz zur Schweiz ist diese Fähigkeit in Kolumbien noch lange keine Selbstverständlichkeit.

Sie hat auch zwei junge Katzen, die sich sofort an unserem Gepäck austobten. Während unserer drei Tage in Bucaramanga schlossen wir sie in unser Herz.

In dieser Zeit waren wir viel mit Andrea unterwegs, unter anderem waren wir mit ihr am Treffen für den ersten Tag des Fahrrades in Bucaramanga. Habt ihr euch eigentlich mal überlegt wie das bei uns alles angefangen hat? Heute ist es ja selbstverständlich dass wir ein Netz guter Radwege haben und man sich ohne all zu grosse Gefahr auf die Strasse begeben kann. Auch an die Ciclaramanga hat sie uns mitgenommen, der einzige grosse Radfahreranlass in Bucaramanga. Zwei Mal wöchentlich werden Strassen für Radfahrer gesperrt und jeweils hunderte von Teilnehmern können gefahrlos durch die Stadt fahren. Eskortiert von Motorradfahrern, die den Verkehr regeln. Normalerweise gehen die Leute mit dem Rad auf dem Auto aufs Land um dort zu fahren...

Wir versuchten in Bucaramanga auch das erste Mal, unser Visum zu verlängern. Aber aus unverständlichen Gründen hat die Beamtin hier völligen Blödsinn erzählt und uns kein Visum ausgestellt. Mehr dazu später in einem eigenen Artikel.

Santa Marta / Carpe Diem

Wir entschieden uns, per Bus weiterzufahren, weil die Semana Santa, also die Osterwoche, bevorstand. In dieser Zeit ist ganz Kolumbien unterwegs, und wir wollten nicht auf der Strasse sein, aber auch nicht in Bucaramanga bleiben. Obwohl wir am Freitag vor der Osterwoche losreisten fanden wir problemlos einen Platz in einem Bus, auch mit Fahrrädern. Allerdings strich der Fahrer einen für Kolumbien ziemlich happigen Aufpreis ein für unser Zusatzgepäck.

Wir übernachteten in Santa Marta nähe Busbahnhof in einem Hotel das wohl die Preise an die Semana Santa angepasst hatte. Wir wollten aber nach über zehn Stunden Busfahrt nicht noch im Dunkeln durch die ganze Stadt fahren um einen besseren Preis zu kriegen.

Am nächsten Tag gings dann Richtung Paso del Mango. Dort sollte laut Internet eine Finca in der Natur sein, ruhig und wenig überlaufen. Die Fahrt war dann sehr anstrengend, es ging über ca. 8km und 300 Höhenmeter über Sandpisten in die Berge. Klingt nach nicht viel, aber wir mussten etliche Male das Rad schieben, weil wir auf dem Sand rutschten und es viel zu steil und uneben war. Diese Fahrt erklärt wohl auch die relative Unbekanntheit des Paso del Mango, einem kleinen Weiler in dem viele Ausländer ihre Existenz in Kolumbien aufgebaut haben. So auch Nele und Kobe, ein Belgisches Paar, das die Finca Carpe Diem betreibt.

Wir blieben hier die ganze Semana Santa, und gingen nur einmal nach Santa Marta in dieser Zeit. Eigentlich hat es im Paso del Mango überhaupt nichts, und genau das macht es wohl aus. Wohin man geht, es hat nur Natur, schöne Bäche, viel Grün, viel Schatten. Man vertreibt sich die Zeit mit Baden, Faulenzen, Wandern und Naturbeobachtungen.

Für mich ist die Finca Carpe Diem und ihre Umgebung ein Paradies auf Erden und ein absolut schöner Ort, um wieder Energie aufzutanken! Dieser Flecken Erde wird mich wohl irgendwann wieder sehen! :) Auch das Personal, Anna und Carolina, beides Kolumbianerinnen aus der Umgebung, waren total nett, haben gut gekocht und gern geholfen, wenn man etwas brauchte. Nele und Kobe haben wir leider nicht so oft gesehen. Nele war hochschwanger und hat in dieser Zeit ihr zweites Kind bekommen. Und Kobe war neben der Betreuung von seinem ersten Sohn und seiner Frau noch mit dem Weiterbau der Finca beschäftigt. Wir konnten in unserer Zeit beobachten wie der Pool gestalt annahm. Leider wurde er aber noch nicht beendet. Aber der Fluss in der Nähe war auch herrlich zur Abkühlung! ;)

Rundherum hat es auch viele interessante Projekte, wie die Kakaofarm, wo einem ein liebes Kolumbianisches Paar erklärt wie Kakao gewonnen wird und man gleich selbst Schokolade herstellen und probieren kann. Oder die Finca Caoba, ein Projekt eines ausgewanderten Deutschen, der eine Art kleinen Zoo aufgebaut hat und alte Steintreppen der Kogui's, einem Stamm der Indigenas, auf seinem Grundstück wieder ausgegraben hat. 

Parque Natural Los Flamencos

Ende Semana Santa wagten wir uns wieder an die Küste runter, allerdings ohne Bikes. Wir wollten zum 150km entfernten Nationalpark Los Flamencos. Dort sollte es Flamingos geben! Wir stellten fest, dass wir noch einen Tag zu früh waren, ein Teil der Kolumbianer ging wohl erst auf den Montag nach Hause. Auf der Strasse kriegten wir keinen Bus, und im Busterminal nur zu horrenden Preisen. 

Als wir in Los Cocos ankamen fanden wir auch kein Boot, dass uns nach Palaima gebracht hätte, wo wir im Nationalpark übernachten wollten. Es dauerte eine Weile bis wir herausfanden, dass wir im Restaurant und nicht an der Anlegestelle Los Cocos waren, und dass es auch nicht mehr genug Wasser in der Lagune hatte, so dass man jetzt per Moto nach Palaima fahren oder zu Fuss gehen konnte. 

In Palaima lebten wir bei Delvira und ihren Töchtern. Sie sind vom Volk der Waiyu, einem der indigenen Stämme der Gegend. Sie haben ein Haus auf einem schmalen Arm zwischen der Lagune mit den Flamingos und dem Meer, darum heisst der Ort auch Palaima. Palai heisst auf Waiyu Meer, Ma Erde. Wir durften unser Zelt für die zwei Tage vor ihrem Haus aufschlagen und wurden auch von ihr bekocht.

Das ganze Dorf lebt in einfachsten Verhältnissen ohne Elektrizität oder fliessend Wasser. Das heisst Licht gibt es von der Kerze, ihr Mobiltelefon lädt die Familie in Los Cocos, Kleider waschen ist ein Tagesausflug nach Camarones mit dem Mototaxi, gekocht wird über dem Feuer (Treibholz hat es viel), und Wasser kostet COP8000 pro LIeferung von drei grossen Kanistern, also etwa drei Franken. 

Anfangs war Delvira etwas zurückhalten mit den "Gringos", aber am zweiten Abend ist dann das Eis gebrochen, als wir am Abend gemeinsam am Feuer am Strand sassen. Sie hat uns viel erzählt über die aktuelle Situation der Waiyu. Ihr Leben ist schwierig geworden weil die Gegend überfischt ist, und die Lagune in den letzten Paar Jahren zu wenig Wasser hatte weil die Niederschläge ausblieben. Ausbildungsmöglichkeiten gibt es nach der Grundschule keine, und so wandern viele Junge in die umliegenden Städte ab.

Flamingos hatte es aber noch, zumindest eine Gruppe von etwa 20 Tieren, und ausserdem viele "Pata amarillas", kleine gelbfüssige Reiher. Beide Gruppen konnten wir den ganzen Tag beobachten bei der Nahrungssuche. Wunderschön!

Vor allem weil die Flamingos viel rosaroter sind als im Zoo und die Farbe weniger künstlich aussieht!

Das ganze Projekt des Nationalpark Los Flamencos ist noch nicht so alt und dementsprechend wissen die Leute dort auch noch nicht so, wie auf Touristen zu reagieren ist. Die Führung, die wir durch Delvira's Sohn hatten war sehr gut gemeint, aber er war die ganze Zeit still und hat nichts erläutert. Dies ist halt schon etwas, was man erwartet, wenn man einen Führer bezahlt. Ausserdem ist der Müll, obwohl ein Nationalpark, ein Problem hier. Auf dem ganzen Weg vom Dörfchen Camarones bis Los Cocos war Müll am Strassenrand zu sehen. Die Waiyu im Dörfchen Palaima sind ziemlich sauber und werfen praktisch keinen Müll in die Natur. Aber auf der anderen Seite in Camarones haben dies die Leute noch nicht realisiert, dass es wichtig ist für die Natur. Da überwiegen klar noch die Probleme der Armut! Trotz allem ist Los Flamencos ein sehr schönes Fleckchen Erde und das Geld für die Übernachtung und das Essen geht hier noch direkt an die Leute (in unserem Fall an Delvira).

Nationalpark Tayrona

Nach zwei Tagen im Los Flamencos haben wir dann wieder den Bus zurück nach Santa Marte genommen und sind dann von dort aus nach Taganga gefahren. Ein kleines Fischerdorf an der Küste Nähe Santa Marta, welches zwar sehr touristisch ist, aber dennoch den Charme eines Fischerdorfes behalten hat. Abends werden dort immer noch frische Fische direkt vom Boot an die einheimische Bevölkerung verkauft. In Taganga haben wir nur eine Nacht verbracht. Am nächsten Morgen wurden wir dann per Speedboat (mehr oder weniger kleine Nussschale mit zwei 200PS Aussenboard-Motoren) und etwa 20 anderen Touristen zum Strand Cabo San Juan im Tayronapark gefahren. Die Fahrt dauerte eineinhalb Stunden, war sehr holprig, nass, ohne Sonnendach und eher nicht zu empfehlen. Der Fussweg raus (später beschrieben) war dann um einiges schöner und weniger holprig! ;) Ausserdem hatten wir nach der Fahrt, trotz Sonnencrème, einen starken Sonnenbrand, da wir klatschnass vom Salzwasser waren und Salz auf der Haut dies begünstigt! :( 

Am Strand Cabo San Juan kann man campen, es hat ein Restaurant, das wirklich sehr gut kocht, und es hat Sanitäre Anlagen. Der Strand der Bucht ist super schön und hat nicht zu krassen Wellengang. So konnte ich meine Angst überwinden und traute mich mit Andy an meiner Seite ins Wasser. Am zweiten Tag getraute ich mich sogar zu schnorcheln, was sich definitiv gelohnt hat. :)

Einen Tag machten wir eine Rundwanderung zum "Pueblito", einer kleinen verfallenen Stadt der Tayronas (Indigenas). Der Weg dorthin führte über eine alte Strasse der Tayronas, welche aus grossen und kleinen zwischen Felsen verkeilten Steinen bestand. Von der Stadt, die etwa 1500 Jahre alt ist, sieht man nicht mehr viel, ausser Treppen und Grundrissen. Auf einem Platz leben noch 2-3 Familien der heutigen Tayrona's wie anno dazumal in einfachen Häusern aus Bambus und Palmdach. Den Weg zurück sind wir einem anderen Pfad gefolgt. Keine 100m vom Pueblito entfernt habe ich dann meine ersten in Freiheit lebenden Affen gesehen, die sich durch Warnrufe bemerkbar gemacht haben!

Nach drei Nächten haben wir unsere Zelte hier wieder abgebrochen und uns zu Fuss auf den Rückweg gemacht. Der Pfad führt an einigen Stränden vorbei, die allesamt sehr schön sind. Einige laden zum schnorcheln ein, wie der Strand "La Piscina", neben dem es auch einen Camping hat, welchen wir das nächste Mal bevorzugen werden, da er ruhiger ist! Andere Strände sind nicht zum Schwimmen geeignet, da es gefährliche Strömungen hat und einer gehört den Schildkröten, die wohl dorthin zurückkehren, um ihre Eier abzulegen. Leider war grad keine Legezeit! Nach etwa 2 Stunden trafen wir auf ein Tayrona-Paar mit Baby, die Kokosnüsse verkauften. Eine tolle Erfrischung, wenn man durstig ist. Er hat mit einigen gekonnten Hieben ein Loch in die Kokosnuss gemacht, so konnten wir zuerst das Wasser trinken. Danach hat er sie noch ganz aufgeschnitten, damit wir an das Fleisch gelangten. Ich sage nur: LEEECKER!!!!!!!! ;) Der Weg führte uns das letzte Stück noch ein bisschen rauf und runter bis zum Strand Cañaveral. Dort ist der Start- und Endpunkt des Landweges in den Tayronapark rein. 

Carpe Diem / Santa Marta 2

Vom Tayronapark fuhren wir wieder mit einem Bus zurück. Diesmal stiegen wir aber in Bonda, kurz vor Santa Marta, aus und nahmen uns Mototaxis, die uns wieder zur Finca Carpe Diem brachten. Allerdings waren diese Fahrer nicht so versiert auf der Strecke zum Paso del Mango, die einiges Geschick verlangt. Mein Fahrer rutschte 1-2 mal rückwärts wieder nach unten, weil er zu wenig Anlauf nahm, 2-3 mal sind wir fast im Gebüsch gelandet und einige Male ist die Motorradunterseite über grössere Steine geschrammt, weil er sie nicht umfahren hat. Ich war jederzeit bereit abzuspringen, falls er hinfallen würde. Wir sind dann aber heil oben angekommen und gönnten uns gleich nach dem Bezug "unseres" Zimmers ein Bad im Fluss!

Dieses mal zurück im Carpe Diem wollten wir die Zeit nutzen unser Visa in Santa Marta zu verlängern. Da wir aber erst am Samstag zurückkamen und die Beamten hier am Sonntag auch ruhen, haben wir den Sonntag mit Faulenzen verbracht. Und für Andy haben wir auf der Finca Cacao nochmal Schokolade gekauft, die wirklich sehr lecker ist!

Am Montag gings dann wieder per Mototaxi den Hügel runter, diesmal mit Profis!, und mit dem Bus nach Santa Marta rein. Das Migrationsbüro haben wir ohne Schwierigkeiten gefunden und sogar einen Copyshop in der Nähe, wo wir unsere Dokumente noch kopieren konnten. Im Migrationsbüro mussten wir nicht mal warten und es dauerte nur etwa 20 Minuten bis wir den Stempel mit der Verlängerung im Pass hatten! Puuuhhhhh....., geschafft! Es war völlig unkompliziert und sie wollten auch kein Flugticket  aus Kolumbien raus sehen. Da Sebas, der Leiter vom Whee Institute, hat uns als Unterstützung noch ein Leumundszeugnis geschrieben. Es wurde schlussendlich nicht gebraucht, aber wir wollten ihm noch für seine Mühe danken. Unsere Idee war es, auf der Finca Cacao Schokolade für ihn herzustellen. Da er aber Diabetiker ist, geht das nicht mit normalem Zucker. Durch Zufall liefen wir an einem Gesundheitsshop für Diabetiker vorbei, die Stevia (pflanzliches Süssungsmittel) verkauften. Mit Stevia ausgerüstet kehrten wir zum Paso del Mango zurück und machten uns ans Schokowerk! Das Ergebnis war speziell. Zuerst entfaltete sich der Geschmack des Kakaos, der sehr stark ist und erst dann  kam die Süsse. Wir sendeten die Schokolade aber trotzdem ab, da ja der Gedanke zählt, und Sebas hat sich auch sehr darüber gefreut! :)

Da wir den ganzen Montag in Santa Marta rumgehetzt sind, genossen wir am Dienstag noch einen Tag der Ruhe, bevor wir uns am Mittwoch dann wieder auf den Weg mit den Bikes machten!

Barranquilla

Der Abschied vom Paso del Mango fiel mir recht schwer, da es wirklich ein Wohlfühlort war. Dies gehört wohl beim Reisen dazu, viele Abschiede! Daran muss man sich schon etwas gewöhnen, vor allem wenn es um liebgewonnene Orte und Menschen geht!

Die Fahrt nach unten ging, trotz Sandpiste, erstaunlich gut. Es ist eindeutig einfacher runter, als rauf! Dann gings an Santa Marta vorbei Richtung Barranquilla. Die direkte Strasse von Santa Marta nach Barranquilla führt über einen schmalen Damm zwischen Meer und Süsswasserbucht. Die Strecke war relativ flach, heiss und nicht sehr interessant. Das Örtchen Tasarjeras, in dem wir übernachtet haben, liegt etwa im ersten Drittel des Damms. Es ist ein armes Fischerdorf, das wirklich von nichts anderem lebt, als Fisch und Meeresfrüchte an der Strasse feilzubieten. Wenn nicht viele Schwertransporter da durchfahren würden, hätten sie wohl kein Einkommen. Übernachtet haben wir  in einem Fernfahrerhotel, welches auf Stelzen in die Süsswasserbucht gebaut wurde. Ausserdem haben sie noch ihre eigene Fischzucht (von der Bucht durch Gitter abgetrennte Bereiche neben dem Haus).

Am zweiten Tag fuhren wir dann von Tasarjeras bis Barranquilla. Der Weg war immer noch flach und die Landschaft nicht sehr abwechslungsreich. An einigen Stellen hatte es schöne Lagunen mit Pelikanen. Die Einfahrt nach Barranquilla bis zum Hostel war etwas mühsam, da wir zwar die Richtung kannten, aber nicht wussten welche Strassen in welche Richtung Einbahnstrassen waren. Das Hostel Meeting Point war ein herziges Familienunternehmen einer Kolumbianerin und ihrem italienischen Mann. Am Abend gingen wir in einem libanesischen Restaurant lecker essen. Es war eine Empfehlung von Maritza, unserer Gastmutter in Bogotá, die selber libanesische Wurzeln hat. In Barranquilla leben viele Menschen aus diesem Kulturkreis! 

Am nächsten Tag wollten wir eigentlich zum Markt von Baranquilla. Mich erinnerte er wegen den vielen Leuten, dem Chaos und der Buntheit bei der Vorbeifahrt an Indien. Der italienische Hostelbesitzer riet uns aber dringed davon ab, es sei hässlich und gefährlich dort. Selbst hat er den Markt allerdings noch nie besucht ;) Wir entschieden uns, auf ihn zu hören, obwohl ich mich in einer Menschenmenge deutlich sicherer fühle als etwa alleine in einer Stadt.

Als Alternative schlug er dann vor, Bocas de Ceniza zu besuchen, wie Punkt wo der Rio Magdalena ins Meer fliesst heisst. Der Fluss wurde durch einen langen Damm künstlich verlängert, was wohl die Sedimentablagerung besser unter Kontrolle halten soll. Für Bau und Wartung gibt es eine Bahnlinie auf diesem Damm. In Las Flores haben geschäftstüchtige Anwohner diese Bahnlinie als Touristenattraktion ausgebaut. Die Besucher werden auf abenteuerliche, handgestrickt wirkende Motordraisinen verfrachtet, welche sie ziemlich weit auf den Damm heraus fahren. Eine recht abenteuerliche Fahrt, je weiter wir uns vom Festland wegbewegen desto mehr sind die Schienen verrostet. Häufig muss der Fahrer die Draisine wieder auf die Geleise schubsen, manchmal fehlt ein kurzes Stück Geleise auf einer Seite ganz. Das letzte Stück mussten wir gehen, weil die Geleise komplett weggerostet sind. Ohropax wären das nächste Mal auch empfehlenswert, aber ein "bisschen" Lärm stört die Kolumbianer wohl nicht ;)

Es war ziemlich eindrücklich, die Stadt nur noch als Schemen am anderen Ende des Dammes zu sehen. Man kann sich die Schufterei vorstellen, als der Damm 1930 gebaut wurde! Eine viel bleibendere Erinnerung für mich sind aber die Menschen, die auf diesem schmalen Damm ihre Existenz aufgebaut haben. Luzia hat mir am Anfang gar nicht glauben wollen, dass die Hütten aus Abfallholz und Wellblech auf dem Damm eine dauerhafte Wohnung für diese Leute sein können. Woher sollen sie Wasser nehmen, wie sollen sie länger in der Gischt überleben, die uns schon auf diesem kurzen Besuch in den Augen brannte und alles klebrig machte?

Auf dem Rückweg sind wir mit Francisco, einem der Fischer, ins Gespräch gekommen. Er hat uns seine Behausung voller Stolz gezeigt. Sein Trinkwasser holt er aus dem Rio Magdalena. Es wird grob durch Stoff gefiltert, die Sedimente lässt er absinken. Danach wird es mit Chlor behandelt und ist trinkbar. Ich will gar nicht an die Chemikalien denken, die der Fluss mit Garantie enthält, aber offensichtlich kann es so übel nicht sein. Francisco sagt er lebt schon 25 Jahre auf dem Damm, und er wirkt ziemlich gesund. Auch eine kleine Solarzelle hat er auf dem Dach, welche ihm in der Nacht Licht spendet, und sogar einen winzigen Autofernseher kann er damit versorgen. Gekocht wird auf einem Gasherd und seine Fische fängt er vom Damm aus mit dem Wurfnetz, so braucht er kein Boot. Er behauptet, dass er zwei Söhne hat, die in der Stadt studieren. Leider haben wir nicht alles verstanden, sein Spanisch ist extrem nuschlig. Deshalb wissen wir nicht genau, wieviel davon er bezahlen kann, ob der Staat für einen Teil der Ausbildung aufkommt, oder wie und wo er seine Fische verkauft.

Ach ja, auf dem Rückweg ist unsere Draisine entgleist! Ein Rad hat die Sicherungsmutter verloren und ist davongerollt, und einen kurzen Moment später standen wir quer auf den Geleisen. Glücklicherweise ist nichts weiter geschehen, anhand der Geschwindigkeit der Reparatur war auch ersichtlich dass das nicht das erste Mal war. Am Antrieb hat aber noch mehr gefehlt, darum wurden wir die letzten ein, zwei Kilometer von einer anderen Draisine zurückgestossen.

Cartagena

Nach Baranquilla wurde die Strecke dann ziemlich langweilig. Meist sahen wir nicht mehr als trockene Steppenlandschaft. Das nahe Meer war nicht mehr sichtbar, und die Hitze setzte uns zu. Auch Übernachtungsplätze sind eher rar, in Lomo de Arena fanden wir dann das anscheinend einzige Hotel im Ort. Wir wurden in ein leerstehendes Haus mit abgedrehter Wasserversorgung einquartiert. Immerhin hatte es Ventilatoren, sauber scheinende Bettbezüge und Wasser in grossen Fässern um uns zu waschen. Später beim Essen sagte man uns dann dass es Richtung Strand noch bessere Hotels geben würde ;)

Cartagena war dann der pure Kontrast zu den armen Dörfern vorher, zumindest das Zentrum. Es wimmelte von Touristen, überall Schickimicki-Läden, und kaum noch Leben in den Strassen. Getsemani, das Quartier gleich nebenan war schon besser. Die Hälfte der Menschen sind sicher Kolumbianer, und zwar die Sorte die auch dort lebt. Es hat wieder alles was in eine Kolumbianische Stadt gehört, also kleine Läden mit allem möglichen Krimskrams, Bauchladen-Verkäufer, Leute die Tinto, also schwarzen Kaffe verkaufen, Fruchthändler die ihre Waren lautstark anpreisen, Grillstände, sogar Leute die ihr Leben anscheinend damit verdienen Kaugummis zu verkaufen.

Die Stadt selbst ist einen Besuch auf jeden Fall wert, sie ist voll von wunderbar bunten Häusern mit Balkonen, immer wieder erhascht man einen Blick durch eines der Fenster und sieht einen Innenhof voller grün oder eine wunderschöne, komplett offene Wohnung voller Leute jeden Alters. Rundherum ist sie umgeben von Mauern, die bereits hunderte von Jahren alt sind. Was diese wohl schon alles erzählen könnten? Wegen der drückenden Hitze  kommt das Leben tagsüber fast zum erliegen, um dann in der Nacht mit aller Kraft wieder zu erwachen.

Leider konnten wir das Nachtleben nicht richtig geniessen. Luzias Magen machte uns einen Strich durch die Rechnung. Wir vermuten, dass die Fruchtsafthändler hier nachlässiger sind als in den Bergregionen und Luzia deshalb Montezumas Rache ereilt hat.