Schwierige Entscheidungen

Wir stellen schockiert fest, dass eine Busfahrt nach Mendoza, Argentinien 57 Stunden dauern würde. Obwohl über doppelt so teuer entscheiden wir uns, nach Santiago de Chile zu fliegen und dann per Bus nach Mendoza weiter zu fahren.

Der Flug mit SKY Airline verläuft problemlos, wir haben 32kg Freigepäck pro Person, und die Fahrräder sind Teil davon. Da die Räder und Kartons eher auf der schweren Seite sind bezahlen wir ca. 150$ Übergepäckgebühr für 10kg.

In Santiago sind wir nur drei Tage. Wir machen ein normales Turiprogramm, Stadtbesichtigung und so. Danach fahren wir per Bus über den 3175m hohen Paso Los Libertadores, der Chile mit Argentinien verbindet. Zum Glück sind unsere Bikes bereits im Karton verpackt, das ist Bedingung zum Transport in Chile. Die dauernden Trinkgeldaufforderungen (Bikes in Bus laden, Bikes entladen für Zollkontrolle, Bikes entladen an Endstation) und das eher unfreundliche Personal von Cata Internacional irritieren ziemlich. Wir empfehlen die Konkurrenz zu wählen.

Dafür ist die Fahrt zuvorderst auf dem Oberdeck des Doppelstöckerbuses der Hammer. Die Aussicht auf Bergwände in allen Farben und die Pass-Strasse die sich am Schluss in unzähligen Kurven zwischen schneebedeckten Gipfeln windet ist unglaublich. Aber wegen den vielen brasilianischen Lastwagen sind wir auch froh hier per Bus und nicht per Bike zu fahren.

Kaum angekommen stellen wir erschrocken fest, dass die Preise in Argentinien viel höher sind als im zentralen Südamerika. Durch eine höchst verquere und undurchsichtige Politik ist vieles “etwas anders” in Argentinien. Beim Geld sieht dies so aus: Es ist fast unmöglich grössere Beträge an Bankomaten zu kriegen, und jeder Bezug kostet. Der Staat schreibt ausserdem fixe, sehr schlechte Wechselkurse vor, und hat die Inflation (25% pro Jahr!!) nicht im Griff. Die Argentinier geben einem für ausländische Währungen bis zu 50% mehr Pesos als vom Staat vorgesehen. Dies wäre illegal, aber alle wissen wo man wechseln kann. Normalerweise im Supermarkt, in der Apotheke, beim Uhrmacher, sogar auf der Strasse (gut kontrollieren was man kriegt und wo man steht!!). Auch direkt mit ausländischen Währungen bezahlen geht häufig. Bei Jedem der Jemanden kennt, der etwas im Ausland kaufen will, oder sein Geld “sicher” auf die Seite legen will kann man ebenfalls wechseln. Also in Hotels, Hostels, Campings. Deshalb schleppen wir jetzt immer grosse Mengen an Chilenischen Pesos oder US-Dollars mit uns herum. Das ist auch der einzige Weg, die Kosten etwas tiefer zu halten.

Wir bleiben fast eine Woche in Maipu bei Mendoza. Während dieser Zeit machen wir Vorbereitungen für einen erneuten Start ins Bikerleben und schauen uns die Sehenswürdigkeiten der Gegend an. Also die Wein- und Olivengüter der Umgebung, sowie die Stadt Mendoza.

Die Sicht auf den Olivenhain ist wirklich eindrücklich. So viele Olivenbäume habe ich noch nie gesehen. Das Öl bei der Degustation ist dann auch sehr schmackhaft und Andy schwebt auf Wolke Sieben beim Probieren der in Öl eingelegten schwarzen Oliven.

Leider funktioniert das mit dem Start nicht so wie gewünscht. Luzia kriegt auf den flachen, geraden Strassen Rückenschmerzen, die schon am zweiten Tag unerträglich werden. Wahrscheinlich ist die ausserordentlich starke Kälte (der El Niño hat auch auf der anderen Seite der Anden Auswirkungen) mit Schuld, und die lange Krankheitszeit nach den Impfungen, vielleicht auch die Sitzhaltung. Nur mit den Hunden ist es deutlich besser. Es hat immer noch mehr als uns lieb ist, und sie bellen und folgen einem auch gelegentlich. Aber die extreme Agression der peruanischen Hunde sieht man hier nicht mehr!

Für mich eine reine Wohltat nicht mehr immer Angst zu haben! ;)

So oder so, mit weiterfahren wird es erst mal nichts. Sandro und Valeria, Warmshowers-Hosts aus San Rafael, nehmen uns spontan bei sich zu Hause auf. Sie helfen Luzia dabei, einen Kinesiologen zu finden, der aber leider auch nur lindern und nicht wegzaubern kann. Nach erneuten Fahrversuchen rund um San Rafael, teilweise mit angepasster Haltung und anderen Sätteln entscheiden wir uns, das Radfahren für diese Tour bleiben zu lassen. Seit dem Hundebiss sind bereits vier Monate vergangen und wir sind seit dann nicht mehr regelmässig gefahren. Stattdessen wollen wir uns auf Wanderungen im Süden Südamerikas konzentrieren. Das scheint besser zu gehen oder sogar zu helfen.

Für mich ist die Entscheidung das Radfahren aufzugeben sehr schwer und die eine oder andere Träne kullert. Es ist wie ein verlorener Kampf gegen den Hundebiss und ich brauche ein paar Tage, um loszulassen und mich auf das neue zu freuen.

Sandro und Valeria waren dabei sehr hilfreich und verständnisvoll. Wohl auch deshalb, weil sie selber Tourenfahrer sind und wissen, dass es nötig ist ganz fit zu sein, um Patagonien per Rad zu meistern (haben sie selbst schon gemacht)!

Also übergeben wir unsere Fahrräder einer Spedition, die sie kurz vor unserer Ankunft in Buenos Aires dahin verfrachten wird. Auch einen Teil unseres Gepäcks lassen wir dort, wir wollen uns als Backpacker versuchen. Zuerst aber zeigen uns unsere genialen Hosts noch die Umgebung, mit Sandro machen wir eine lange Autotour ins Valle Grande, einem wüstenartigen Tal voller farbiger Gesteinsformationen, die meiner Meinung nach Kapadokien in der Türkei in den Schatten stellen was die Vielfalt betrifft.

Für mich eines der schönsten Täler, die ich auf der Reise gesehen habe. Hinter jeder Kurve taucht eine neue Gesteinslandschaft auf: mal kantig scharf, mal rund und farbig… Mutter Natur hat hier ihrer Kreativität freien Lauf gelassen.

Gerüstet mit Tipps von Sandro und Valeria (sie sind begeisterte Berggänger) reisen wir dann eine Woche nach Ankunft per Nachtbus nach Bariloche.

Ziemlich bald stellen wir aber fest, dass das Backpackerleben in Patagonien doch nicht so unser Ding ist. Hostels sind echt teuer, je nach Wechselkurs 20$ pro Kopf und Bett im Dorm, oder etwas mehr im Doppelzimmer. Und Transporte auch, ausserdem sind wir noch ausserhalb der Hochsaison, wo Transporte in Nationalparks nicht regelmässig vorhanden und/oder teuer sind. Ganz krass sind Importartikel: Eine Schachtel Vache qui rit (die kleinen französischen Weichkäschen) kosten hier 19$, statt den in Chile üblichen 3-4$!!

Wir suchen nach Alternativen und entscheiden uns bald, in Chile ein Auto zu mieten. Dort ist es deutlich billiger als in Argentinien, und im Internet finden sich weniger negative Berichte. Für kurze Zeit interessieren wir uns für Campervans, aber die Preise sind uns zu hoch, schliesslich haben wir Zelt, Schlafsack und Küchenausrüstung. Auch einen Autokauf überlegen wir uns und verwerfen ihn wieder. Es wäre in Chile möglich, wir trafen Leute die dabei Erfolg hatten. Aber für einen Grenzübertritt nach Argentinien braucht man viele Papiere, die zum Teil nur mit grossem Zeitaufwand aufzutreiben sind. Momentan streikt die Behörde, welche die Autozulassung bearbeitet sofern ich dies richtig verstanden habe.

Schlussendlich gibt es einen VW Gol (nein, kein Schreibfehler, die wurden für die fussballbegeisterten Südamerikaner umbenannt ;) von Europcar. Kostet ca. 50$ pro Tag plus Benzin und bringt uns dafür an jeden Camping und Nationalpark unserer Wünsche. Die Papiere für den Grenzübertritt sind superschnell erledigt. Auch die meisten Schotterpisten sind bisher kein Problem, was wir mit dem Gol nicht machen könnten würden wir uns wohl auch mit einem 4x4 nicht zutrauen. Übrigens dachten wir darüber nach, per Anhalter zu Reisen. Dies würde gut funktioneren mit zwei Ausnahmen: Jetzt in der Vorsaison kommt man schlecht in Nationalparks wegen zu wenig Verkehr. Und in der Hochsaison ist die Südspitze Patagoniens kaum bereisbar weil viel Konkurrenz per Daumen unterwegs ist.

Unterwegs per Auto

Wir holen unseren Gol in Puerto Montt ab und machen noch einige Einkäufe. Wir bereuen jetzt, dass wir so viel Gepäck in San Rafael liessen ;) So oder so, es gibt eine neue Pfanne, eine elektrische Kühlbox, ein Verlängerungskabel und einige praktische Sachen wie Kisten. Danach machen wir eine Runde auf die Insel Chiloe gleich nebenan. Unser erster Camping ist wunderschön an einem Kliff gelegen, das voll von gelb blühenden Büschen ist. Die Kosten auf chilenischen Campings sind auch erträglich, mit 6-7$ pro Person. Nur die Duschen treiben Luzia regelmässig fast zur Verzweiflung, immer wieder versagen sie mitten drin oder gehen gleich gar nicht. Kein Gas, keine Batterien für den Zünder etc. Wir schiebens darauf, dass wir noch sehr früh im Jahr unterwegs sind, Testkaninchen für die Campings so zu sagen…

Dafür gibt es wunderschöne Natur zu entdecken. Seelöwen, Kormorane, sogar Pinguine sehen wir, und sind wandernd unterwegs. Wir decken uns auch mit handgestrickten, naturgefärbten Strickwaren der Gegend ein und kaufen eine wärmende Kunstfaserdecke für die noch sehr kalten Nächte. In Castro gibt es bunte Fischerdörfchen auf Stelzen zu entdecken. Allerdings sind viele davon schon zu Touristenhotels umgebaut worden. Etwas ausserhalb sind die Dörfchen aber ruhig und traditionell und die uralten Holzkirchen stehen im Dorf.

Danach fahren wir für einige Tage wieder Richtung Norden, in das Seengebiet Chiles wo neben wunderschönen, riesigen Seen auch viele Vulkane stehen. Wir machen mehr Wanderungen, zum Beispiel entlang den Flanken des Osorno, der noch immer bedeckt ist mit kiesförmiger Asche des Vulkans Dalcahue, ausgebrochen nur Monate vor unserer Ankunft hier.

Der Osorno ist der zweite Vulkan, den ich “besteige”. Wir gehen nicht mit Pickel und Steigeisen über die Gletscher rauf, aber bis zur Schneegrenze bringen uns ein Skilift und etwas Muskelkraft. Die karge Landschaft, die praktisch nur aus Vulkangestein und -kies besteht, ist immer wieder atemberaubend. Wenn man aber genauer hinschaut findet man kleine Bodenpflanzen, hinter denen sich Eidechsen verstecken und sogar Schmetterlinge lassen sich mit dem Wind hier hoch tragen.

Auch Valdivia statten wir einen Besuch ab, ein Küstenort, der notorisch bekannt ist für seine frechen Seelöwen. Sie bedienen sich sozusagen selbst im Fischmarkt. (Siehe Fotos!!!:) Hier ist Abstand halten angesagt!

Leider verschlechtert sich das Wetter, und wir entscheiden uns, wieder zurück nach Argentinien zu wechseln. Nach über hundert Kilometern Anfahrt über winzigste Holperpisten sind wir gespannt, ob der Grenzübertritt mit Mietauto hier möglich ist. Aber alles geht problemlos, unsere Papiere scheinen in Ordnung zu sein. Nur das viele Essen: In der Theorie dürften wir keine Früchte, Milchprodukte und Honig einführen. Dies ist übrigens auch innerhalb Argentiniens von Provinz zu Provinz verboten, aber je nach Provinz anders geregelt. Die spinnen die Argentinier! Auch nach Chile ist die Einfuhr solcher Artikel verboten, aber landesweit einheitlich geregelt und klar kommuniziert. So oder so, der freundliche Grenzbeamte drückt für uns beide Augen zu und kurz darauf sind wir schon mit all unseren Vorräten in Villa Pehuenia am Lago Aluminé.

Nach einer erfolglosen Wanderung (die Touriinfo lotste uns zu einem Ort wo wir keine Wanderung fanden) beschliessen wir, eher den Nationalparks nachzufahren. Von diesen hat es mehr als genug den Andenkordilleren entlang. Wir arbeiten uns bei deutlich besserem Wetter langsam durch das argentinische Seengebiet nach Süden vor. Viele Campingplätze sind in der Vorsaison noch gratis und dafür zum Teil eben nicht gewartet – Toilette heisst hier im umliegenden Gebüsch mit der Schaufel ein Loch graben… Und sonst sind sie ähnlich teuer wie in Chile – also je nach dem wie man sein Geld wechselte etwas mehr oder weniger. Das heisst im “Klartext”: 70-100 Argentinische Pesos. Die Argentinier sind absolute Campingfreaks und Hobbyfischer, und deshalb hat es auch praktisch überall Campings.

Etwas gewöhnungsbedürftig ist es, wenn Klassenausflüge noch mitten in der Nacht Ramba Zamba machen, aber für Argentinier ist auch das normal, schliesslich beginnt das Abendessen hier um 22-23 Uhr :/ In den Nationalparks sind wir jetzt in der Vorsaison aber nicht selten alleine und wenn nicht, sind die Nachbarn häufig Fischer oder andere Wanderer und schätzen die Ruhe der Natur. Wenn die Campingplätze zu den gut eingerichteten (sprich bezahlten) gehören, ist die Qualität meist ganz anständig. Heiss Wasser funktioniert tadellos. Es kommt sogar vor, dass der Besitzer extra für uns den Holzboiler einheizt ;) Nur eine Eigenart besitzen argentinische Duschen und Toiletten: Die Türe lässt sich so gut wie nie abschliessen. In einem Restaurant fehlt die Türe sogar ganz. Nur gut dass die Toiletten nach Geschlechtern getrennt sind ;)

Für mich ein wahr gewordener Alptraum, der sich in der Realität aber gar nicht als so schlimm entpuppt! ;)

Leider hat auch diese Seite der Anden einen gravierenden Nachteil. Jedes mal wenn Ostwind herrscht, wird feinste Vulkanasche, meist chilenischer Vulkane, von der Pampa wieder zurück nach Westen geweht. Im Moment ist es um die Gegend Junin de los Andes ganz schlimm. Das Zeug setzt sich in den Kleidern und Atemwegen fest und reizt die Augen. Manchmal wird Luft ganz trüb bis man kaum mehr die Berge sieht, und auf der wunderschönen Wanderung zum Vulkan Achen Ñiyeu mussten wir sogar umkehren. Dabei hat die ausserirdische Vulkanlandschaft uns so in den Bann geschlagen!

Unsere Selfie-Fotosession dauerte mindestens 45 Minuten ;)

Auf jeden Fall empfehlen wir allen Bikern, sich mit Atemmasken auszurüsten und in besonders staubigen Gegenden Gravelroads zu meiden oder gleich auf die chilenische Seite zu wechseln. Grenzübergänge hat es massenhaft, und meist führen die kleinen Strässchen mitten durch die Nationalparks. Einziger Nachteil ist, dass man eigentlich nur in offiziellen Campings übernachten darf. Von denen hat es aber viele, einfach in den Guardaparques, also den Nationalparkwächtern, nachfragen.

Im Moment sind wir etwas langsam mit bloggen und noch langsamer mit Bildern hochladen. Das liegt daran, dass das Internet in Chile und Argentinien häufig nicht so gut ist, und wir mehr auf Campingplätzen unterwegs sind, wo es selten Internet hat.