Indien

Endlich ist es soweit: Ich komme nach Indien! Heinz und ich haben uns entschieden, nicht per Rad durch den Iran und Pakistan zu radeln, weil Südpakistan im Moment etwas unsicher ist und Nordpakistan zum Radeln schon eher zu kalt wäre, wenn man noch die Zeit zum Hinfahren mitrechnet.

Flug nach Indien

Heinz hat den billigsten Flug nach Indien gefunden. Diesen hat uns Air Arabia geboten. Air Arabia ist wohl die einzige Fluggesellschaft, die einen Einwegflug nicht teuer macht, als Hin- und Rückflug. Und weil das Mehrgepäck nur 5€/kg kostete, wäre uns selbst das Rad mit Gepäck nicht teuer gekommen. Weil die liebe Frau beim Einchecken sich aber gar nicht fürs Gewicht interessierte, sondern einfach 30kg auf den Gepäckschein schrieb, bezahlten wir gar kein Übergewicht. Hätte mich sonst etwa 120€ gekostet ;-) So kamen wir schlussendlich auf CHF318.

Jep, ich habe endlich einmal meine Ausrüstung gewogen. Ich bin trotz Abspecken immer noch mit sehr viel Gepäck unterwegs! Ich habe ein 20kg Fahrrad (Mit vier Flaschenhaltern, Pumpe und den neuen schweren Marathon Plus ATB-Reifen in 2") und dazu etwa 44kg Gepäck, allerdings inklusive zwei Büchern, um mir beim Fliegen und Warten die Zeit zu vertreiben, aber praktisch ohne Essen und Trinken.

Vor dem Flug sind wir extra früh mit dem Bus von Alapli zum Istanbul Sabiha Airport gefahren. Da wir einen Expressbus gebucht hatten, wurden wir einige Kilometer vor dem Flughafen ausgeladen. Leider ging in der Hitze des Gefechtes unter, dass mein Radkarton nicht ausgeladen wurde. Dabei hatte ich diesen mühsam von Eregli nach Alapli gefahren, nachdem ein Radhändler ihn mir freundlicherweise geschenkt hatte. Dieses Missgeschick sollte später noch üblere Folgen zeigen...

So verpackten wir mein Rad einfach so gut es ging an der Wickelmaschine, die allerdings nur für kleine Gepäckstücke eingerichtet war. So wurde das Einpacken zu einem richtigen Geschicklichkeitsspiel ;-) Am Schluss habe ich alles noch mit Klebeband umwickelt.

Leider musste ich später einen Teil der Verpackung wieder öffnen, weil das Personal von Air Arabia wollte, dass ich die zwei Taschen, welche ich am Rad fixiert hatte noch einzeln aufgebe. Das Klebeband war zu diesem Zeitpunkt schon vom Gepäckband wegtransportiert worden...

Ansonsten verlief der Flug nach Sharjia (Vereinigte Arabische Emirate) aber problemlos. In Sharjia mussten wir uns nicht um die Weiterleitung unseres Gepäcks kümmern. Weil wir dies zuerst befürchtet hatten, hatten wir einen extra langen  Aufenthalt geplant. So vertrieben wir uns die 16 Stunden mit Schlafen, Essen und Lesen... Viele Leute taten dasselbe, da Air Arabia immer über Sharjia fliegt und wenige gut zusammenpassende Verbindungen anbietet.

Ankunft in Delhi

Nach einem weiteren Nachtflug kamen wir dann um ca. 6Uhr Morgens in Delhi an. Dort wartete Zehra, die uns in Alapli gehostet hatte schon auf uns. Und unsere Räder wurden uns von zwei Flughafenmitarbeitern gebracht. Sie waren unbeschädigt und vollständig!

Nachdem dann das Gepäckband nach einigen Ausfällen alle meine Gepäckstücke ausgespuckt hatte, brachten uns die zwei hilfreichen Flughafenhelfer zum Bankomaten und zum Taxistand. Denn wir fühlten uns ziemlich müde und gerüchteweise sei der Verkehr in Delhi ja ziemlich übel. Also wurden die Räder auf das Dach eines Minibuses, einem sogenannten Prepaid-Taxi, gebunden.

So fuhren wir dann nach Nizamuddin East, wie die Gated Community heisst, in der Kaustubh, unser Couchsurfing-Host wohnte. Gated Community heisst, dass die Quartiereingänge bewacht und Nachts sogar geschlossen sind. Nur durch die Angabe einer Adresse wird einem Eintritt gewährt...

Als der Taxichauffeur unsere Adresse suchte, verfuhr er sich. Leider übersah er beim Wenden, dass ein Kabel etwas tief über der Strasse hing. Dieses hängte sich an meinem Radständer ein. Dieser brach ab, aber nicht bevor nicht auch noch mein und Heinz' Fahrrad-Gepäckträger verbogen waren. Ausserdem verbrach dabei noch mein Rücklicht. Dies alles wäre wahrscheinlich nicht passiert, wenn mein Rad in einm Karton gesteckt hätte. Mist! Als ich später den Gepäckträger wieder gerade richten wollte, brach ausserdem noch der Kopf einer ebenfalls in Mitleidenschaft gezogenen Schraube ab. Diese liesss sich dann nicht einmal mehr mit der grossen Wasserpumpenzange lösen. Bockmist!!

Aber zuerst wurden wir von Kaustubh freundlichst empfangen. Wie ich dann später erfuhr, ist Kaustubh wohl ein Inder, allerdings nicht gerade ein typischer. Er wuchs in Südindien auf, wo er Eltern hatte, mit denen er ganz normale Diskussionen führen konnte. Was für unsere europäischen Ohren ganz normal klingt ist in Indien Tabu. In Indien stellen Kinden den Eltern keine Fragen. Sie haben die Rolle des Zuhörers, nicht mehr. Dies führte wohl dazu, dass Kaustubh viel unabhängiger denkt, als die meisten seiner Landesgenossen. Er heiratete eine ältere Australierein, ein weiters absolutes Tabu, erstens weil sie älter ist als er, und zweitens weil sie einem anderen Kulturkreis angehört. Als ob das nicht genug wäre, ist er auch noch Opensource-begeistert und fährt Faltrad oder Elektromobil. Auch damit gehöët er zur absoluten Ausnahme in Indien.

Zugreisen

Doch zuerst einmal verbrachten wir nur Tag bei unserem Gastgeber. Kaustubh bot uns gleich eine heftige Dosis Indien. Er zeigte uns zuerst kurz das von den Engländern erst 1929 fertiggestellte New Delhi. Dieses ist über und zwischen viel ältere Teile dieser Stadt gebaut und in englischem Kolonialstyl gehalten. Überall riesige Strassen, in geometrischen Mustern angelegt, viel grün und ruhe. Und dann gings nach Chandi Chowk, dem absoluten Gegenteil. Empfangen wird man von Lärm, Gedränge und einem unbeschreiblichen Geruchsgemisch aus Gewürzen, Qualm, Parfüm, Pisse, Schweiss, Staub, Essen und vielem mehr. Chandni Chowk ist eine Strasse  voller kleiner Geschäfte und fliegenden Händlern. Wie wir später entdeckten gibt es aber noch viel chaotischere Bazars in Delhi. Was einem aber in Chandi Chowk erst später auffällt ist die Tatsache, dass hier bis 1947 die muslimischen Herrscherfamilien von Old Delhi gewohnt haben. Was heute Ramschläden und billige Restaurants sind, waren früher Paläste! Wenn man den Blick nach oben wendet sieht man wunderschön verzierte Fenster und Balkone. 

Am nächsten Tag gings per Zug nach Agra, wo der weltberühmte Taj-Mahal steht. Nachdem wir den für Indien exorbitant hohen Eintrittspreis von 700 Rupies (ungefähr CHF 14) entrichtet hatten, durften wir uns in den Touristenstrom werfen. ach ja, Inder bezahlen übrigens nur 20 Rupies...

Der Taj Mahal ist ein wirklich schönes Gebäude, aber ich kam irgendwie nicht richtig in Stimmung. Ich kann mit Massentouristischen Erlebnissen nicht allzuviel anfangen. Ich kann mir aber vorstellen, dass die Atmosphäre dieses Grabmals wirklich speziell ist, wenn man es alleine für sich hat wie dessen Erbauer. Erst dann kommt seine Grösse und Detailverliebtheit zu der gebührenden Ehre und erst dann begreift man den schieren Wahnsinn dieses Werkes.

Leider mussten wir das Erlebnis mit abertausenden Anderen teilen, die wohl eher den gemeinsamen Ausflug feierten, als den Taj Mahal wirklich zu verstehen versuchten. Für mich hinterliess die Zugfahrt in der gut gefüllten zweiten Klasse den bleibenderen Eindruck. All die verschiedenen indischen Subkulturen, die da zusammenkamen! Man sah alte, arme, reichere Leute, allein- und Gruppenreisende, einige die auf dem Boden schliefen, während das Personal Masala Cai (Indischer Gewürztee) und Nescafé aus Blechkanistern verkaufte und andere einen anbettelten. Und die ganze Zeit über ratterten dutzende Ventilatoren über den Köpfen. Zum Glück, denn sonst wäre im Stillstand die drückende Hitze in den sehr gut gefüllten Abteilen unerträglich geworden!

Danach gings dann per Nachtzug zurück nach Delhi und dann mit dem nächsten Nachtzug nach Varanasi. Dort gab es Tempelanlagen am Ort der Entstehung des Buddhismus zu bestaunen, was mich allerdings nicht so sehr interessierte. Ich weiss einfach zu wenig über diese Religion. Schön anzuschauen waren auch die Ghats, so werden die Treppen, die zu einem Fluss führen genannt. In diesem Fall führten sie zum Ganges, der Mutter der Flüsse.

Ein spezielles Erlebnis für unsere westlichen Augen war die Totenverbrennung, die hier in alter Tradition offen stattfindet. Ansonsten gefiel mir aber eher das allgemeine indische Leben, dass es hier in Hülle und Fülle zu bestaunen gab. Ich lasse die Fotogallerie für sich sprechen!

Schon nach zwei Tagen fuhren wir wieder per Nachtzug nach Delhi, und diesesmal liess ich Heinz und Zehra alleine nach Amritsar fahren. Diese Art zu Reisen ist einfach nichts für mich ;-)

Radreparatur

Stattdessen kümmerte ich mich um die Reparatur meines Rades. Kaustubh empfahl mir einen nahegelegen Radshop, einer der wenigen die wenigstens ein bisschen etwas von westlicher Technik verstanden. Nach einigen kurzen Versuchen mit der Zange gaben diese Leute aber auf, die abgebrochene Schraube liess sich nicht rausdrehen.

Mir wurde empfohlen zu einem nahegelegen Schweisser zu gehen. Mit gemischten Gefühlen fuhr ich dorthin, und nachdem wir uns mit Handzeichen darauf verständigt hatten, dass die Schraube raus musste, wurde mein Rad auf den Boden gelegt, und der Wahnsinnige nahm eine riesige Elektrode in die Hand. Ein grosser Lichtbogen, und ein fetter Schweisspunkt klebte auf meiner Schraube, ohne dass dem Rahmen etwas anzusehen gewesen wäre! Nun wurde ein grosses Metallkreuz an die Schraube geschweisst. Mit diesem und viel Gefühl lösste der Schweisser dann meine Schraube und drehte sie raus.Wow! Alle Sorgen waren vergessen, der Typ muss ein Genie sein. Er organisierte mir gleich noch eine neue Schraube und richtete die schlimmsten Stellen meines Trägers, und mein Rad war wieder so gut wie neu und ich glücklich!

Inzwischen hatte die Aktion ein rundes Dutzend Neugierige angezogen, und als ich nach dem Preis fragte, wurde mir übersetzt, ich solle geben was ich für Richtig erachte. Uff, ich hatte doch keine Ahnung?!? Jemand meinte dann, ich sollte doch hundert Rupies geben, ich gab ihm dann das doppelte, also etwa vier Franken. Wahrscheinlich viel zu viel, aber wenn der werte Mann gewusst hätte wie teuer dass sein Patient war, wäre er wohl erbleicht ;-)

Einige Zuschauer stellten diese Frage, und als ich sie nicht beantwortete, boten sie sich bis zu 200€ hoch. Ich kommentierte dies dann nicht ...

Wetter

Im Moment warten Heinz und ich auf das verspätete Ende der Regenzeit. Eigentlich sollte es im September nicht mehr Regnen. Doch immer wieder hielt sich das Wetter nicht daran. Einmal verirrte ich mich mit Kaustubhs indischem Eingangrad bei Nacht und tropischem Regen. Bei halbmetertiefem Wasser und extrem schlechter Sicht fuhr ich dann etwa zwei Stunden durch Delhi und fragte mich durch. Zum Glück war das Wasser warm und hatte ich Licht dabei!

Ein anderes Mal regnete es so stark, dass Wasser durch die Wand in Kaustubhs Kellerwohnung lief und diese zu einem grossen Teil mehrere Zentimeter tief unter Wasser setzte. Kaustubh erlebte dies bereits zum zweiten Mal. Und das obwohl der Vermieter eine Reparatur gemacht hatte. Darüber gerieten er und der auszugswillige Kaustubh dann in einen ziemlich heftigen Streit.

Langsam aber sicher bessert sich aber das Wetter, es wird auch höchste Zeit.

Pläne

Wir planen nämlich, nach Nepal zu fahren, wenn auch nur den südlicheren und tendenziell flacheren Teil des Landes. Das Zeitfenster ist aber etwas knapp, das wir lieber nicht in der Regenzeit fahren wollen, und es schon im Oktober empfindlich kalt werden kann. Danach planen wir, weiters nach Bangladesh zu fahren, das Visum haben wir in Delhi geholt. Diesmal verlief alles problemlos, abgesehen von längerem Schlangenstehen. Von Dhaka (Banladesh) wird Heinz dann nach Thailand fliegen. Ich bin mir im Moment noch nicht schlüssig, ob ich dann mitfliegen, oder mein sechs Monate gültiges Multientry-Visa für Indien noch etwas mehr ausschöfen soll...