Unterwegs in Bangladesh

In Dhaka wurde ich von den Jungs von Kewradong und BTEF wärmstens empfangen. Beides sind Nonprofit-Organisationen. Kewradong organisiert alles, was mit Outdoor zu tun hat. Klettern, Bootfahren und eben auch Radtouren. Und BTEF kümmert sich um die Verbesserung der Tourismussituation in Bangladesh.

Diese Leute haben im Zentrum Dhakas eine Wohnung, in der sie sich regelmässig treffen, und in der ich auch untergebracht werde. so ab dem Nachmittag ist diese Wohnung immer von etwa einem Dutzend Leute bevölkert. Natürlich fand sich auch immer Jemand, der mich irgendwie beschätigen sollte. Ich hatte eigentlich nur entspannen im Sinn. Ich war dann aber doch froh, das Raian mir half, ein paar Bücher zu finden, und vorallem einen Optiker, der mir für sage und schreibe nur 10$ eine geschliffene Sonnenbrille verkaufte. Ich glaube ich muss mir noch ein paar Exemplare holen ;-) Denn leider hat sich herausgestellt, dass alles Abnehmen nichts genützt hat: Ich bin immer noch zu schwer, um auf meine Adidas-Sportbrille zu sitzen ;-)

Ich kriegte auch einen kurzen Eindruck vom zweitgrössten Muslimischen Festival. Denn in Bangladesh ist der Islam vorherrschend. Und es war gerade Zeit für Eid, ausgesprochen Id. Dies ist ein Opferfest, an dem jede Familie traditionell eine Kuh, oder weniger vermögende eine Ziege oder sonst ein Tier schlachtet. Das löste auch das Rätsel, wo all die Kühe hingingen auf. In der ganzen Stadt sah ich angebundene Kühe, auf den Gehsteigen, in den Tiefgaragen und in riesigen, improvisierten Verkaufsgeländen mit abertausenden von Exemplaren. Immer wieder sah man eine Familie eine Kuh heimschubsen, ein lustiges, im Fall von grösseren Stieren manchmal auch etwas bedrohliches Bild. Diese Städter hatten von Kühen offensichtlich keinerlei Ahnung!

Am eigentlichen Festtag wurden dann all diese Kühe geschlachtet, in Hinterhöfen, Tiefgaragen und auch mitten auf dem Gehsteig. Überall liefen Blutverspritzte junge Männer herum, und die Armen waren glücklich, denn diese Woche würde es genug Fleisch für alle geben. Da viele keinerlei Möglichkeit zum Kühlen haben, muss das Fleisch schnell gegessen werden.  Am nächsten Tag sah man dann nur noch Kuhhäute, die zum aufsammeln herumlagen, und die Ärmsten der Armen, die auch die Gedärme noch verwerteten.

Eigentlich hätte ich nach der eher anstrengenden Fahrt von Kathmandu nach Dhaka ganz gut eine Pause gebrauchen können. Doch mir wurde keine gegönnt. Schon nach zwei Tagen gings auf einen ersten Trip. Eine Art Roadtrip, mit einem kleinen Bus und ein paar Freunden in den Norden und Nordwesten Bangladeshs. Ich könne auch mein Rad mitnehmen, eines der Mitglieder wolle nachher per Rad weitersfahren.

Unterwegs per Bus

Klar war ich dabei. Es ging am späten Abend los, der kleine Bus hatte 26Sitzplätze, und die waren fast Restlos mit den wenigen Freunden besetzt. Wieso sollte man auch weniger Leute mitnehmen, das wäre ja langeweilig. Der Roadtrip wurde dann ziemlich Tough, wir befanden uns fast die ganze Zeit unterwegs, unterbrochen von kurzen Stops, um ein paar Tempel und andere Sehenswürdigkeiten Bangladeshs anzuschauen. Ich hatte es eigentlich etwas gemütlicher erwartet, aber Sprache ist eben nur ein sehr begrenztes Kommunikationsmittel. Und was gemütlich ist oder eben nicht hängt sehr von der jeweiligen Kultur ab.

Übernachtet werden sollte im Zelt. Schlussendlich geschah das aber nur einmal, dafür an einem ziemlich schönen Ort, ganz im Norden Bangladeshs, nahe der Grenze, an der mir der Zugang aus Indien verweigert wurde. Danach gings weiters, und ich fühlte mich immer weniger erholt, und leider auch etwas ausgeschlossen, als einziges nicht Bangla sprechendes Mitglied der Tour.

Unterwegs per Rad

Nach zwei Tagen wurden Mamun und ich in Rajshahi abgesetzt und wir suchten uns ein Hotel. Am nächsten Morgen gings dann los, das Ziel hiess per Rad nach St. Martin, und das auf möglichst kleinen Strassen.

Am Anfang war Mamun begeistert, noch nie war es für ihn so einfach, mit so vielen Leuten ins Gespräch zu kommen wie unterwegs mit mir. Nach etwa zwei Tagen fing es allerdings sogar ihn an zu nerven. Und das heisst bei einem Bengali, der sich selbst auch noch als kommunikationsfreudig  bezeichnet einiges. Er begann, die stark bevölkerten Orte wenn möglich zu meiden und kleine verstecke Teeshops füdie Pausen zu suchen. Leider nützte auch das wenig, in Bangladesh ist man als Weisser einfach nie alleine, ausser man schliesst sich in ein Hotelzimmer ein. Und selbst dann kann es passieren, dass es an der Türe klopft, der Hotelboy draussen steht und ein paar Freunden seine neuen Gast zeigen will :-S

Ja, manchmal komme ich mir vor, wie irgendein Zootier. Obwohl, solange man nicht müde ist, ist das ja ganz lustig. Einmal kamen wir später in der Nacht per Lastwagen (dazu komme ich später) in einem Städtchen an. Innnert wenigen Minuten versammelten sich soviele Leute um mich herum, dass die Ladenbesitzer sich beklagten. Ich kam mir schon fast wie ein Superstar vor, und fand es lustig.

Ein anderes Mal beobachteten wir, wie ein Mädchen eine Schale mit Gemüse fallen liess, als es mich erblickte. Überhaupt scheint es, dass die meisten Leute auf dem Lande in Bangladesh noch nie einen Weissen gesehen haben. Der internationale Tourismus ist hier noch praktisch inexistent. Die meisten Leute bleiben im benachbarten Indien! Und die Bengali, die Reisen gehen auch nur zu den nationalen Sehenswürdigkeiten, sie stoppen nicht einfach in einem kleinen Dorf auf dem Lande, obwohl für mich diese Dinge das Land so aussergewöhnlich schön machen, die offiziellen Sehenswürdigkeiten beginnen sich auf so eine Reise zu ähneln. So habe ich zum Beispiel das Geburtsdorf von Mahatma Ghandi besucht. Leider habe ich dort nicht viel spezielles oder schönes gesehen, und nichts neues über Ghandi gelernt. Die meisten Leute auf dem indischen Subkontinent (und auch aus vielen anderen Gegenden) gehen zu Sehenswürdigkeiten, machen ein paar Gruppenfotos davor und verlieren dann das Interesse, schmeissen ein bisschen Abfall auf den Boden und fahren weiters... Dieses Verhalten gehört leider zu den Unarten hierzulande. Dass es zumindest auf dem Land trotzdem sehr sauber ist - zumindest im Vergleich zu Indien - liegt daran, dass viele Gemeinden Reinigungspersonal anstellen. Diese Leute sammeln alles in Handarbeit wieder ein und verbrennen den Abfall dann.

Insgesamt kann ich Bangladesh zum Radfahren nur empfehlen, wichtig ist allerdings, dass man eine detaillierte Karte auftreibt und sich auf die wirklich schönen Nebenstrassen konzentriert. Manchmal bleibt einem leider nichts anderes übrig, als auf einer der Hauptstrassen zu fahren. Dies stellt sich dann jedes Mal als eher selbstmörderisches Experiment heraus, einfach weil die Busse absolut keine Limiten kennen. Sie hupen und erwarten, dass man ausweicht. Wenn man es nicht tut, stirbt man! Dies und der unglaubliche Lärm den das ganze Gehupe verursacht gehört leider zu den negativen Seiten des Radfahrens hier. Dafür sind die leute auf dem Land so freundlich, dass man es fast nicht glauben will. Ab nächstem Jahr wird es wahrscheinlich sogar geführte Touren geben. In Chittagong treffen wir auf Kim, die schon Touren in China geführt hat, und sich inzwischen in Bangladesh verliebt hat und ab 2010 dort Touren leiten will.

Unterwegs per Lastwagen

Leider hat dann kurz vor Chittagong Mamuns Knie den Dienst verweigert. Er fuhr - trotz Hinweisen - einseitig, mit einem Fuss schräg auf den Pedalen. Dies führte zu einer Sehnen-Entzündung auf der Seite des Knies. An Weitersfahren war nicht zu denken. Also stoppten wir einen Lastwagen, und der Fahrer willigte freudig ein, uns ins Zentrum Chittagongs zu fahren. Er wollte nicht einmal Geld. Etwas langsam wars, zugegeben, doch bequemer als jede Busfahrt. Wir konnten auf der Ladebrücke sogar etwas schlafen. Dort musste ich Mamun dann fast zu einer Pause zwingen. Er glaubte immer noch nicht so recht, dass eine entzündete Sehne ein ernsthaftes Problem sein könnte.

Als wir nach eineinhalb Tagen weitersfahren wollten, stellte sich heraus was ich bereits vermutete: Radfahren nicht mehr möglich. Wir beschlossen, dennoch nach St. Martins Island zu fahren, einfach per Lastwagen. Leider fanden wir keine so freundlichen Fahrer mehr. Ab jetzt wollten alle Geld. Es war auch nicht mehr so einfach, überhaupt Lastwagen zu finden. Denn Chittagong ist das Hauptumschlagszentrum Bangladeshs, fast alles kommt über den internationalen Seehafen herein und heraus. Und nach Dhaka, der Hauptstadt, besteht naturgemäss eine wichtige Transportader. Doch nach Cox Basar und weiters südlich ist der Verkehr hauptsächlich touristisch motiviert. Ich wollte dennoch auf Lastwagen verladen, da diese das Rad viel schonender behandeln, als Bus-Gepäckjungs. Lastwagen haben Zeit und wissen wie man Güter transportiert. Das ist praktisch das Gegenteil, das man auf Bussen antrifft. Die fahren immer schon in der Mitte des Auf- oder Abladens davon...

So kamen wir schliesslich nach Teknaf. Nach St. Martins wollten wir dann per Boot weiters, doch dieses fuhr wegen der späten Flut erst am späten Nachmittag los. So wurde es Abend, als wir in St. Martins ankamen. Am nächsten Morgen gönnten wir uns eine kurze Besichtigung, das meiste wieder per Boot, und danach wollte Mamun bereits zurück nach Dhaka. Ich liess mich - etwas unglücklich - dazu überreden, weil ich doch ziemlich müde war und auf Erholung in Dhaka hoffte. Zurück nach Dhaka fanden wir dann leider keinen Lastwagen. Der Fischtransporter wollte keine Räder auf seiner wertvollen Fracht...

So nahmen wir schlussendlich einen Bus. Natürlich kam es wie es kommen musste - der Gepäckboy war spät dran (wir waren zwei Stunden zu früh, durften aber nicht alleine aufladen), wir wurden gehetzt, und schlussendlich drehte ich den Kopf der Spannschraube des Aheadlagers durch. Ansonsten verlief die Fahrt problemlos, und wir kamen am Morgen früh in Dhaka an. Nur leider stellte ich dort fest, dass ich Fieber hatte. Jetzt war wirklich Erholung angesagt. Schlussendlich denke ich aber, das das ganz gut war. Jetzt steht noch der Austausch dieser Schraube offen, und dann kaufe ich mir ein Ticket nach Bangkok oder sonstwo in Südostasien. Dort gönne ich mir dann wohl zuerst ein bisschen Zeit irgendwo an einem schönen Strand ;-)