Unterwegs in Kambodscha

Da Michi etwas schneller als erwartet in Siem Reap eintreffen wird, beschliesse ich per Boot dorthin zu fahren. Das Boot stellt sich am frühen Morgen als langes Schnellboot mit etwa hundert Sitzplätzen heraus. Die Klimaanlage ist auf höchste Leistung eingestellt, und die meisten Touristen setzen sich aufs Dach. Einheimische sieht man fast keine, diese bevorzugen den billigeren Bus oder Minibusse.

Sobald die Motoren angeworfen sind, wird eine Unterhaltung fast unmöglich. Dafür gehts mit erstaunlicher Geschwindigkeit vorwärts, obwohl wir gegen die Strömung des Tonle Sap fahren. Kein Wunder, das Boot soll ja auch fast so schnell wie ein Bus sein, bei nur minim kürzerer Strecke! Die Bootsfahrt stellt sich trotzdem als interessant heraus. Am Anfang gleiten die armen Randgebiete von Phnom Pheng vorbei. Viele kleine Schiffe sind am Ufer festgemacht. Sie dienen ganzen Familien als Wohnung. Später kommen immer mehr schwimmende Fischerhäuser, nebeneinander über die halbe Breite des Tonle Sap verankert. Stromaufwärts ist vor jedem solchen Haus ein Schleppnetz stationär aufgespannt. Die Strömung lässt die Fische nicht entkommen. Sie sind mitunter ein Grund für die abnehmenden Fischfänge. Dennoch gilt der Tonle Sap Fluss und -See immer noch als eines der Fischreichsten Gewässer der Erde. Dies liegt sicher auch daran, dass der Mekong jedes Jahr Unmengen von Nahrung in dieses Gewässersystem einspeist. Jedes Jahr in der Regenzeit lässt sich hier ein einmaliges Schauspiel beobachten: Da die Regenzeit zeitgleich mit der Schneeschmelze in Tibet zusammenfällt, steigt der Mekong, der diese Wassermassen aufnehmen muss enorm an. Dadurch kehrt sich die Fliessrichtung des Tonle Sap Flusses um, der Tonle Sap See dient jetzt als Puffer. Erst wenn der Pegel des Mekong wieder zurückgeht, kehrt sich die Fliessrichtung des Tonle Sap wieder um. Dies wird gefeiert und ist traditionell auch der Beginn der Fischereisaison.

Später auf der Fahrt begegnen wir auch ganzen schwimmenden Dörfern. Diese sind komplette Kommunen, man sieht schwimmende Läden mit Bootsanlegestellen, Kirchen, Tempel, Wohnhäuser, Werkstätten, Schweineställe... Meist werden sie von Vietnamesen bewohnt, die hierhin geflüchtet sind. Sie sind mehr oder weniger Outlaws, und bei den Kambodschanern eher unbeliebt.

Weil ich das Fahren ohne mich selbst zu bewegen nicht gewohnt bin, und die Sonne immer heisser brennt beginne ich auf dem Dach zu dösen. Leider hole ich mir dabei auch noch einen Sonnenbrand. Ich habe eine  kurze Hose an, die ich meist nicht mehr zum Radfahren brauche. Sie ist etwas kürzer als die normale. Und genau dort verbrenne ich mich natürlich. Sonst brauche ich ja schon lange keine Sonnencreme mehr, wenn ich nicht gerade Baden gehe...

Siem Reap

Siem Reap stellt sich als noch touristischer als erwartet heraus. Einer dieser gesichtslosen Backpacker/Party/Massentourismus/Luxus -Orte, die man überall auf der Welt antreffen kann. Einer dieser Orte, die man auf einem Foto nicht auseinanderhalten kann, es sei denn man schaut das Personal an. Ich finde dennoch ein angenehmes Guesthouse mit viel grün und einem schönen Balkon. Und wenigstens am Abend gibts auch in der Tourizone Essen zum mindestens viermal günstigeren Lokalpreis.

Die weltberühmten Angkor-Tempel sind definitiv eine Augenweide. Es ist erstaunlich, wie nach mehreren hundert Jahren noch viele der detaillierten, und extrem feinen Steinreliefs so gut erhalten sind. Vorallem wen man bedenkt, dass alle Tempel ursprünglich überwachsen waren mit allen möglichen Urwaldpflanzen bis zu grössten Baumriesen. Jetzt sieht man diesen Zustand nur noch an wenigen Tempeln, die man bewusst so gelassen hat. Allerdings muss man schon in den frühen Morgenstunden los, wenn man sie wirklich geniessen will. Dann sind die Temperaturen noch angenehm, die Fotos werden farbiger, und vorallem sind die grossen Schwärme von Touristen noch im Bett (Schlafen wohl den Rausch der vorherigen Nacht aus...)

Einzig den Sonnenaufgang im Angkor Wat, dem berühmtesten der Tempel kann man sich sparen. Es sei denn man will Touristen fotografieren, oder sich über Leute mit 3000$-Kameras totlachen, die den Tempel von 200m Entfernung per Blitz aufhellen wollen ;-)

Einen Tag nach mir trifft dann auch Michi ein. Hier noch ein Sorry an Daniela, seine Freundin: Ich habe im letzten Eintrag ausversehens geschrieben er sei Winterthurer. Das stimmt natürlich nicht, er kommt aus Weiningen TG! Ich habe ihn nur das erste Mal in Winterthur getroffen... Drei Tage lang gehen wir meist gemeinsam auf Tempelerkundung. Doch irgendwann hat man das Gefühl, genug alte "Steinhaufen" gesehen zu haben, und wir planen den Aufbruch.

Unterwegs auf abenteurlichen Pfaden

Unser Ziel heisst Vietnam und Laos. Michi muss über Vietnam nach Laos einreisen, weil er noch kein Visum für Laos hat. Und Touristen aus Kambodscha kriegen erst ab April ein Visum an der Grenze. Also werden wir einen kleinen Bogen über Vietnam machen, dieses aber an der nächstmöglichen Grenze gleich wieder verlassen und in Laos oder sogar Thailand nach Norden fahren.

Doch zuerst heisst es, nach Stun Treng, einem Ort am Mekong. Den meisten Touristen ist er als letzter Stopp vor der Kambodschanisch-Laotischen Grenze bekannt. Michi hat in einem Bericht eine interessante Strecke gefunden, die nördlich der Hauptroute durchführt und einiges kürzer ist - wobei das kein Argument für uns ist. Aber sie scheint auch einiges abenteurlicher zu sein.

Am ersten Tag beginnt das Abenteuer aber erst am Abend. Nach einer überraschend problemlosen Fahrt auf wenig befahrenen und nicht ausgeschilderten Pfaden kommen wir fast ohne Umwege an ein Restaurant, wo uns eine Übernachtung angeboten wird. Im Gegenzug sollen wir natürlich dort essen. Wir nehmen trotz den eher touristischen Preisen an. Vor dem Eindunkeln klappern wir zu Fuss noch das kleine Dorf Boeng Mealeao ab, und kommen zu der gleichnamigen Tempelruine. Obwohl wir kein Ticket haben kommen wir rein, den die Kontrolleure haben bereits Feierabend ;-) Es stellt sich heraus, dass dies einer der lohnenswerten Tempel ist, auf jeden Fall aus Fotografenperspektive. Er ist total überwachsen, und ziemlich zerfallen. Das liegt daran, dass er schon ziemlich weit von Siem Reap entfernt ist und die Wege für den Komforttouristen zu unangenehm sind. Und er wurde erst 2003 von Minen befreit. Übrigens sind viele der ländlichen Gebiete um Siem Reap herum und auch sonst in Kambodscha immer noch stark vermint. Jeden Tag Stirbt Jemand in Kambodscha wegen einer Personenmine, und viele tragen Amputationen als Folge davon. Leider zwingt die Armut und das Bevölkerungswachstum die Leute dazu, sich trotz der Gefahr immer neue Felder zu roden und neue Wege und Wohnorte zu suchen!

Als wir zurückkkommen, erscheint plötzlich ein Mann, der in gebrochenem Englisch behauptet er sei vom Polizeikommandanten zu uns gesandt worden. Wir müssten sofort mitkommen. Wir fragen wieso, und er sagt, es sei gefährlich hier. Wir müssten mitkommen! Ja ob wir denn nicht hier übernachten dürften. Doch schon, aber nur wenn wir dem Kommandanten "Something" (engl. Etwas) geben oder vorzeigen könnten. Wir fragen ob er Geld, den Pass, ein Ticket oder ein Erlaubnisschreiben meint. Er verneint alles, und sagt wir sollten dem Kommandanten Something geben, oder sie müssten uns nach Siem Reap zurückfahren. Die Frage, wo denn der Restaurantbesitzer bleibe, überhört er einfach.

Ich verliere schon fast die Geduld, doch Michi geht dann mit ihm mit zum Kommandanten. Nach längerer Diskussion stellt sich dann heraus, dass der Kommandant wegen der anscheinend sehr prekären Sicherheitslage einen Polizisten für unsere Bewachung abstellen müsse, und deshalb will er natürlich Geld. Wir hätten nicht unbedingt etwas dagegen zu bezahlen, aber die komische Art in der wir dazu aufgefordert werden zeigt überdeutlich, dass eigentlich Niemand das Recht dazu hätte. Als dann der Restaurantbesitzer dazustösst, endet die Diskussion plötzlich, und ein Beamter wird mit uns mitgeschickt. Dieser spannt dann seine Hängematte im offenen Teil des Restaurant auf. Uns wird dieses Recht verwehrt, aus Sicherheitsgründen müssen wir uns im Haus einschliessen. Als wir am Morgen den Restaurantbesitzer bezahlen, gibt er einfach den Zuschlag für die Übernachtung dem Polizisten. Hier kann man sich offensichtlich fast nicht gegen die Korruption wehren!

Interessant finde ich aber auch, dass es hier auf dem Land - weitab von den Touristenmassen - so gefährlich sein soll. Hier sind alle Leute zurückhalten aber sehr freundlich und offen. Nirgends fühlt man sich bedroht, solange man nur selbst genug Offenheit mitbringt, um ungewohntes Verhalten der Leute einfach als Zeichen unterschiedlicher Kultur zu sehen. Einmal vergesse ich unterwegs meinen Rucksack. Er enthält Kreditkarte, mehrere hundert Dollar, Laptop und Kamera. Und rundherum sitzt eine Horde ziemlich angetrunkener Jungs, die gerade den Rausch vom chinesischen Neujahrsfest noch einmal auffrischen. Als ich nach einer Viertelstunde zum Rucksack zurückkomme, haben sie ihn wohl geöffnet, aber trotz ihrer Betrunkenheit machenn sie mir nicht den Eindruck, als hätten sie mich bestehlen wollen, sonder als wären sie neugierig. Und sie sind extrem beschämt und entschuldigen sich tausend mal. Als ich nachkontrolliere fehlt auf jeden Fall kein Cent! Im Gegensatz dazu ist das touristische Phnom Pheng bekannt dafür, dass ab und an einer einen Touristen mit vorgehaltener Waffe um einige Dollars erleichtert...

Die nächste Nacht verbringen wir dann ereignislos in einem normalen Hotel in Tbaeng Meang Chey. Erst als wir am Morgen bezahlen, kommt ein Polizist. Er will jedoch kein Bakshish, sondern einfach eine normale Registrierung mit Pass- und Visanummer, wie sie in Hotels eigentlich üblich ist, und er verzieht sich dann auch sofort wieder.

Nun wird die Fahrt wirklich abentuerlich. Die meisten Karten zeigen ab hier schon gar kein Durchkommen Richtung Osten mehr an. Doch der Loose Reiseführer von Michi besagt, es gebe einen Weg. Wir fragen uns wie immer durch, und kommen bald auf einen sandigen Pfad. Dieser führt uns zu einer Furt, für deren Überquerung wir 1000Rial (25 Rappen) bezahlen müssen. Man bestätigt uns auch noch einmal, dass dies der richtige Weg sei. Wir kriegen angesichts des schmalen Weges schon das komische Gefühl im Bauch das einem einen Navigationsfehler anzeigt, als die Strasse plötzlich zu Highwaybreite anwächst. Schön flachgewalzte, ungeteerte Erde. Zum Glück regnets nicht, wir stellen uns vor dass dies sonst eine riesige Rutschpartie wäre. Alle paar Kilometer wechselt die Strassenqualität, mal helle, mal dunklere oder rotere Erde.

Und plötzlich sind wir mitten in einer Baustelle. Wir müssen auf kleinen sandigen Pfaden nebenherschieben und sind glücklich, als wir wieder auf die Strasse können. Nur um dann unseren Ärgsten Feind zu entdecken: Die Walze, die die fiesen Rechtecke in den Boden stempelt. Michi und ich haben beide ein ungefedertes Reiserad. Diese fiesen Rechtecklöcher bremsen uns auf maximal 10km/h, und trotzdem beginnen die Hände bald zu schmerzen, so werden wir durchvibriert beim Fahren.

Der aufgeschüttete Damm wird immer kleiner, und irgendwann kommen wir dann zur Hauptbaustelle. Wir müssen wieder neben dem Strassendamm, der gerade von Baggern aufgeschüttet wird schieben, und neben grossen Baggern vorbeigehen. Kaum sind wir wieder zurück auf der Strasse, folgt die nächste Überraschung: Lehm! Nach nur zwanzig Metern sind unsere Schutzbleche so verstopft, dass die Räder blockieren. Wir kratzen eine Viertelstunde mühsam alles wieder heraus und müssen das noch mehrmals wiederholen, so klebrig  ist das Zeugs!

Ab Chep Krandal sollte die strasse nach Karte eigentlich grösser werden, doch das Gegenteil ist der Fall: Die Baustelle hört endlich auf, und zurück bleibt ein winziger Feldweg mit Schlaglöchern und tiefen Sand- und Kiesbecken, die einem ins Schleudern bringen, und nicht selten zum Schieben zwingen. Wir zweifeln wieder an den Ratschlägen der Leute, doch alle sind absolut überzeugt, dass dies der Weg nach Stung Treng sei. Also radeln wir trotz Bedenken los. Der Weg bleibt schmal und schlecht, wird ab und an ein bisschen hügelig, und führt uns bald tief in den Urwald hinein. Nur die Wegränder, die man immer wieder brennen sieht oder erst gerade gebrannt haben stören das Bild. Dies ist wohl die einfachste Methode, um Schlangen und andere unangenehme Wegelagerer fernzuhalter und ein Überwachsen der Strasse zu verhindern. Unterwegs sehen wir nur noch kleinste Dörfer aus Schilfhütten und einfachen Brettern. Meist ist das einzige was man findet, eine handbetriebene Wasserpumpe und in jedem zweiten Dorf einen kleinen Laden mit Süssgetränken, Tabak, Seife und chinesischen Instant Noodles. Früchte finden wir trotz Nachfragen keine mehr, und auch zum Essen gibts nur noch mitgeführte Notrationen (Instant Soup) und am nächsten Tag eben besagte Instant Noodles. Zum Frühstück gönnen wir uns Müesli mit Kaffe. Schmeckt eigentlich auch noch gut :-)

Ach ja, die Übernachtung! Gegen Dämmerung sind wir schon lange keinem Dorf mehr begegnet, und da Kambodscha ja fast überall vermint ist, wollen wir natürlich auch nicht einfach neben dem Weg zelten. Nach langer Suche begegnen wir ein paar einzelnen, sehr armselig aussehenden Schilfhütten mitten im Wald. Wir fragen die Bewohnerin, ob wir neben ihrem Haus zelten dürfen, und sind überrascht, als sie ohne kleinstes Zögern ja sagt. Das nenne ich Gastfreundichkeit! Wir stellen unsere Zelte auf und Kochen unsere "reichhaltige" Instant Soup, angereichert mit Gerste, die ich noch irgendwo finde und stellen unsere Zelte auf. Alles geschieht unter neugierigen Blicken der Bewohner. Am Morgen verabschieden wir uns dann mit ein bisschen Kaffe, einer leeren Petflasche und ein paar tausend Rials. Das Lächeln und die Geschwindigkeit, mit der diese Sachen verschwinden sagen alles: Diese Leute haben buchstäblich nichts! Und dennoch sind sie so freundlich, wir denken dass sich hier mancher Westler ein Scheibchen abschneiden dürfte...

Der Weg geht weiters wie bishher, und beginnt uns immer mehr zuzusagen: Es ist richtig schön und kurzweilig auf dem kleinen Pfad vorwärts zu kommen, und die Distanzen sind erst noch kleiner als die Karten uns angeben. Nur ab und an begegnet uns ein Moped, das die Einheimischen zur Arbeit bringt, oder selten ein Lastwagen, der sich durch die Schlaglöcher quält. Alle paar Kilometer kommt wieder ein Dorf. Uns fällt auf, dass wir hier wohl wirklich fast die allerersten Touristen sein müssen. Häufig kennen die Kinder das obligatorische "Hello, Hello" oder "Bye-Bye" noch nicht, sondern starren uns einfach an. Wenn sie die Rufe aber schon kennen, dann sind sie um so euphorischer ;-)

Der Eindruck wird allerdings kurz unterbrochen von einer Touristenhorde, die mit grossen Enduros und in alienartige Kleidung (auf jeden Fall kommt uns der Kombianzug mit Helm nach der Zeit ohne "Zivilisation" so vor) gehüllt an uns vorbeibraust. Einige halten kurz an und schiessen ein Photo und röhren schon wieder weiters. Schade, sie verpassen so viel für einen kleinen Kick! Dafür heitern uns dann zwei Jungs, die ein je einen Mototaxifahrer angeheuert haben auf. Sie sin komplett verstaubt und verdreckt, schlimmer noch als wir, haben einen Smile im Gesicht, halten an und einer sagt: "Hey Guys, you're Rockstars!" Auf dem Rücksitz eines alten, klapprigen Mopeds durch Kambodscha fahren, das ist unserer Meinung nach die einzige echte Alternative zum Radfahren!

Bald kommen wir dann nach Stun Treng und sehen das erste Mal den Mekong. Er erscheint im Moment - es ist ja Trockenzeit - nicht so gross zu sein. Überraschenderweise sehen wir auch keine grossen Frachtschiffe, wir wissen noch nicht wieso? Nach einer kurzen Überfahrt kommen wir dann problemlos in die Stadt, und brauchen erst einmal einen Tag, um alles zu waschen und die Ketten unserer Räder wieder zu entsanden. Nur die Polizei hat sich noch nicht gemeldet, und auch eine Registrierung wollten sie im Hotel bisher nicht ... ?