Erste Eindrücke von China

Dieser Eintrag wurde irgendwie nie Publiziert und erst jetzt beim Aufräumen gefunden. Viel Spass!

Ich verlasse Vietnam und komme nach China, wo ich in Richtung tibetanisches Hochplateau halte. Ich habe viele Klischees, aber kaum Wissen über China - und ich werde echt positiv überrascht! Allerdings sagt man auch, dass der Yunnan eine der schönsten Gegenden des Landes sei...

Letzte Tage in Vietnam

Nachdem ich sich mein Fieber gesenkt hat, warte ich noch drei Tage in Sa Pa, um wieder zu Kräften zu kommen. Ich verbringe die Zeit mit gut Essen und Reisevorbereitungen für das Tibetanische Plateau. Das heisst, ich kaufe mir noch eine gefälschte Windstopper-Jacke (ca. 30 Franken!), und sortiere all mein Material aus - es muss noch einmal eine gute Ladung weg bevors in die hohen Berge geht! Ich neige einfach immer noch dazu, zuviel Luxus mitzuschleifen :-(

Danach gehts dann los. Es ist ein komisches Gefühl, wieder einmal alleine zu packen und abzufahren. Irgendwie habe ich immer das Gefühl, etwas fehlt. Andererseits habe ich so auch wieder mehr Freiheit, ich muss nicht mehr auf Michi Rücksicht nehmen - was nicht heissen soll, dass er schwierig wäre ;-) Die Fahrt an die Grenze ist angenehm und meistens ziemlich kurvig und abschüssig. Nur werde ich leider immer wieder von Autofahrern ausgebremst. Naja, bei dem chaotischen Fahrstil hier wäre es vielleicht wirklich sicherer, etwas langsamer zu machen. In Südostasien ist das Konzept "vorausschauend Fahren" nämlich vollständig unbekannt. Man reagiert einfach auf den Augenblick. Das ist eigentlich ziemlich gefährlich, aber weils alle wissen gehts doch...

So kommt es immer wieder einmal vor, dass ich überholt werde, nur um Sekundenbruchteile später vom gleichen Fahrzeug ausgebremst zu werden. Es will gerade rechts abbiegen... Eine andere Variante derselben Situation: Der Fahrer sieht, dass es nicht mehr reicht, ohne direkt in mich hinein zu fahren, und bremst während dem Überholen wieder ab, um abzubiegen. Die Regel dazu ist simpel: Der Hintermann muss aufpassen, zurückschauen ist unnötig.  Viele Frauen haben deshalb auch die Rückspiegel so eingestellt, dass sie ihr Makeup kontrollieren können ;-)

Unterwegs treffe ich auch noch einen Spanier, der mich mit dem Moto überholt. Er ist an der Ortlieb-Tasche unschwer als Radfahrer zu identifizieren, aber heute hat er gerade Pausentag in Sa Pa, er macht sich dann einen Tag später auf nach China.

Lao Chai erweist sich für mich noch einmal als kleine Orientierungs-Knacknuss. Ich werde zuerst in eine, dann in die andere Richtung geschickt, als ich die Brücke zum Grenzübergang suche, und weil man mir auch noch andeutet, sie sei 6km entfernt, mache ich ca. 15km Umweg, bis ich dann die richtige Kreuzung finde.

China

Der Grenzübergang nach China ist wider Erwarten nicht wahnsinnig bombastisch, und die Beamten sind so freundlich wie ich es bereits von anderen Gehört habe. Das liegt wohl zum Teil daran, dass man in China ein elektronisches Beamten-Bewertungssystem eingeführt hat. Am Ende kann man einfach Knöpfe mit lächelnden oder lätschenden Smileys drücken, und das wird dann wohl irgendwo ausgewertet...

Ich komme aber gar nicht dazu. Zuerst wird mein Pass etwa eine Viertelstunde lang auf eine mögliche Fälschung untersucht. Ich glaube, dass jede Seite ein anderes Kantonsbild zeigt, hat den werten Beamten verwirrt. Dann muss mein Gepäck durch den Scanner - ich könnte ja ein Radterrorist sein. Und dann helfen mir die Zöllner gleich noch, mein Gepäck zum Rad zurückzutragen und wollen es sogar befestigen. Das mache dann aber doch lieber ich selbst...

Danach zeigt sich der Yunnan - wie die angrenzende Provinz heisst - von seiner besten Seite. Kleine, meist nicht all zu befahrerene Strassen, freundliche Verkehrsteilnehmer und allgemein freundliche Leute. Die Kommunikation ist ziemlich schwierig, aber immerhin sind sich die Leute gewohnt, viele Handzeichen zu verwenden. Ich muss sie nur noch lernen. Wenn zum Beispiel Zeige- und Mittelfinger zum V geformt werden, während mir Jemand den Weg erklärt, meint er nicht "zwei". Das könnte ja auch alles Mögliche heissen, zwei Strassenzüge, Minuten, Kilometer...? Er meint "Kreuzung". Das braucht natürlich ein paar Wiederholungen, bis ich es auch begriffen habe ;-) Auch für die Zahlen zeigen die Chinesen nicht einfach die Finger (wie ihre Nachbarn), sondern haben spezielle Fingergesten.

Mit Lesen haperts natürlich total, aber das ist ja nichts wirlich neues mehr. Immerhin, ein paar Zeichen erkenne ich langsam, zum Beispiel, welches von beiden die Herrentoilette ist, oder in welche Richtung das Warmwasser an der Dusche. Wenn auf der Karte eine Ortschaft auch mit chinesischen Zeichen angeschrieben ist, kann ich mich sogar nach den Wegweisern orientieren. Das ist einiges einfacher, als zu fragen. Ich treffe meist nicht die richtige Tonlage, und die Leute verstehen mich erst, wenn ich die Karte zeige. Danach sagen sie den Namen der Stadt - und ich denke es klingt wie das, was ich gesagt habe...

Die Gegend scheint ziemlich abgelegen zu sein, und mir fällt auf, dass trotz Kommunismus in China eine Zweiklassengesellschaft entsanden ist. Auf der einen Seite sind die Arbeiter ausserhalb der Stadt, Strassenarbeiter, Fahrer, Kohlbergwerk-Leute, Gemüsepflanzer etc. Viele sind echt arm, und häufig auch offensichtlich desillusioniert und gegenüber mir sehr zurückhaltend. Ich bin eine fremde Welt für sie. Die  Mittelschicht hingegen wohnt meist in Städten und ist sehr offen und freundlich zu mir. Oft werde ich aus ihren SUV's angefeuert, oder sogar zu einem Melonenstopp eingeladen. 

Dazwischen gibt es noch Laden- und Restaurantbesitzer, denen es meist auch nicht all zu schlecht zu gehen scheint, und die auch immer sehr freundlich sind und sich echt freuen, einen Ausländer bewirten zu können. Obwohl, manche sind am Anfang richtig verschreckt, sie wissen gar nicht was mit mir anzufangen ist, und sind schrecklich kompliziert bei der Menüsauswahl. Ich habe doch keine Ahnung, was man hier so kocht, einfach mal etwas servieren - es schmeckt hier nämlich immer gut! Lustig ist, dass mir fast immer vorgeschlagen wird, zum Reis einen Teller mit Tomaten und Ei aus dem Wok zu nehmen. Irgendwie gibt es hier wohl ein Klischee, dass Ausländer sich so ernähren ;-) Einmal werde ich auch zum Essen eingeladen, als ich nach ein Wasser frage. Der Sohn spricht sogar ein bisschen Englisch, und am Schluss wollen mich die Leute kaum mehr gehen lassen.

Die Gegend ist auch extrem hügelig, ich mache jeden Tag so um die tausend Höhenmeter. Das heisst, sofern ich vorwärtskomme. Denn direkt nach der Grenze folge ich dem roten Fluss. Und dort wird gebaut wie verrückt. Ein Highway solls werden, und dieser verläuft meist höher als die bestehende Strasse. Die Chinesen stoppen einfach den Verkehr, damit ein Bagger weiters oben Steine herunterschaufeln kann. Erst eine oder zwei Stunden später kommt ein Radtrax und macht die Strasse für kurze Zeit wieder frei. Manchmal wird auch noch gesprengt. Durch all das wird die Strasse natürlich beschädigt, und muss gleich auch noch repariert werden. Und die Strasse am anderen Ufer wird auch noch ausgebaut, zusätzlich hat es dort auch noch riesige Steinbrüche.

Da ich natürlich nicht so schnell bin wie der motorisierte Verkehr, bleibe ich immer wieder vor den Sperren hängen, an manchen Tagen bis zu fünf Stunden. Die Zeit vertreibe ich mir mit Dösen, Essen, Lesen und Kommunikations-Versuchen mit Fahrern und Strassenarbeitern. Jedes mal wird als erstes eine Runde Zigaretten ausgegeben, und die Leute verstehen meist kaum, dass ich keine will ;-) Einmal erlaube ich einem blutjungen Pneutrax-Fahrer, eine Runde mit meinem Rad zu drehen. Er ist so klein, dass er schon kaum über das Oberrohr kommt, und ich kriege Angst, dass er vor lauter Gleichgewichtsproblemen mein Rad über den Strassenrand in den Abgrund fährt. Dafür werde ich dann mit einer Runde Traxfahren belohnt ;-)

Leider irre ich mich dann in meinem ersten Ziel in China. Eigentlich will ich ja nach Yuanyang, aber ich habe es verwechselt mit Yuanjiang - ein kleiner aber bedeutender Unterschied. In Yuanyang wären die grössten Reisterrassen der Welt zu bestaunen gewesen, im Moment zwar trocken, aber anscheinend doch ein Wahnsinns-Anblick. Dafür wäre ich auch achtzig Kilometer zurückgefahren, aber noch einmal vier Stunden vor denselben Baustellen wie am Tag zuvor zu warten, schreckt mich dann doch ab. Also biege ich gleich bei nächster Gelegenheit nach Norden in Richtung Kunming ab. Ich werde dann belohnt mit einer wirklich kleinen, aber gut ausgebauten Strasse, die durch Schluchten und schöne landwirtschafliche Gegenden führt.

In Tonghai - kurz vor Kungming - treffe ich bei der Hotelsuche wieder auf den Spanier, diesmal per Rad. Wir beschliessen, zusammen nach Kungming zu fahren, aber dort werden sich unsere Wege wohl schon wieder trennen.