In die hohen Berge ;-)

Ich bin unterwegs von Lijiang nach Litang, und komme dabei in immer höhere Berge - das was ich schon lange vermisst habe. Wohl höchst anstrengend zum Radfahren, aber Landschaftlich so eindrücklich, dass es schwierig zu beschreiben ist. Und die Strecke führt mich auch nach Tibet - zumindest in das, was kulturell als Tibet bezeichnet werden kann. Das heutige Tibet Chinas ist weiterhin zu kompliziert und zu teuer um es per Rad zu bereisen. Aber auch so freue ich mich riesig, diese Kultur näher kennenzulernen!

Lijiang nach Shangri-La

Kurz bevor ich Lijiang verlassen will, erfahre ich endlich definitiv, dass mein Paket es durch den Zoll geschafft hat. Endlich! Es wird nun umgeleitet nach Shangri-La, zu Kevins Trekker Inn. Nur das Öl für meine Rohloff-Getriebenabe hat es nicht geschafft. Da im Moment Shanghai-Expo sei, dürfe es nicht einmal auf der Strasse transportiert werden. Das bei 2x25ml Öl. Und es sollte ja von Guangzhou in die Yunnan-Provinz geliefert werden, Guangzhou ist auf halbem Weg von Yunnan nach Shanghai. Verstehe wer will!?!?

Ich mache mich also wieder einmal auf den Weg, diesmal aber mit besserer Laune: Immerhin weiss ich jetzt, wie es weiters gehen wird! Ich wähle dieses Mal eine kleinere Route, nicht die Hauptstrasse (G214) nach Shangri-La, sondern eine, die östlich davon verläuft.

Doch gerade bevor ich abfahren will, sagt mir noch ein Paar aus meinem Hotel hallo. Es stellt sich heraus, dass sie ebenfalls Schweizer, und auch per Rad unterwegs sind. Sie waren ein halbes Jahr durch Südostasien gefahren, und kommen gerade von Shangri-La zurück und stehen kurz vor dem Ende des Radfahr-Teiles ihrer Reise. Interessanterweise waren Michi und ich schon in Laos nur zwei Tage später auf der gleichen Route unterwegs, und haben von einem anderen Radfahrer sogar schon von ihnen gehört.

Natürlich verzögert diese Begegnung meine Weiterfahrt beträchtlich, wir könnten uns wohl noch stundenlang austauschen ;-) Ach ja, wer mehr über sie wissen will, unter iselins.me ist ihr Blog zu finden.

Nachdem ich es dann doch noch geschafft habe, eine grosse Nudelsuppe zu verschlingen und loszufahren, komme ich bald auf eine wirklich schöne Strasse. Das heisst, sie ist perfekt ausgebaut, und fast Verkehrsfrei. Leider kommt dann nach zwanzig Kilometern der erste Dämpfer: Die Strasse teilt sich, und eine Mautstation steht vor mir. Ich radle völlig unbefangen darauf zu, schliesslich musste ich als Radfahrer noch nirgendwo bezahlen. Hier ändert sich das: gleich 160 Yuen wollen die mir abknöpfen! Das sind etwa 27 Franken. Nur für die benützung einer Strasse, die an einem als sehenswürdig eingestuften Berg vorbeiführt. Jetzt weiss ich, wieso Michi geschrieben hat, sie seien umgekehrt...

Zurück will ich aber auch nicht mehr, das wären dann fast vierzig Kilometer umweg, und durch den Tiger Leaping Gorge zu fahren ist auch keine gute Idee, wie Michi und seine Mitfahrer dann herausgefunden haben, dort wird nämlich gebaut, und die Sicherheitsvorkehrungen sind so gut wie nicht vorhanden. Ich bezahle also Zähneknirschend...

Der teure Berg - der Jade Dragon Mountain - erweist sich dann als wirklich sehenswürdig. Ich beschliesse natürlich, gleich ein richtiges Foto zu schiessen. Also Rad abgestellt, Stativ und Filter ausgepackt und los gehts. Das Foto wurde wirklich ziemlich gut, aber leider habe ich nicht mit dem Wind gerechnet. Während ich die passenden Einstellungen an meiner Kamera suche rumpelts plötzlich: Der Wind hat mein vollbepacktes Rad von der Strasse geblasen. Jetzt liegt es etwa drei Meter tiefer unten. Erschrocken renne ich dorthin, und stelle fest, dass kaum etwas defekt ist. Nur der Lenker und der Sattel sind minim verbogen, nicht einmal Wert neu gerichtet zu werden. Glück gehabt!

Gegen Abend komme ich nach Daju, wo ich noch einem Österreicher begegne, der schon seit etwa zwanzig Jahren in diesem Käffchen lebt. Er verbringt sein Leben hauptsächlich mit der Besteigung der umliegenden Berge, und will mich gleich auf eine Tour einladen. Dummerweise passt das nicht so wirklich in meine Pläne, und von richtigen Bergtouren mit Steigeisen und Klettern habe ich eh keine Ahnung. Er hilft mir dann noch, das Hotel, das mir die Iselins empfohlen haben zu finden, was gar nicht so einfach ist. Es heisst Da Ju Inn, ist aber im Nachbarort von Da Ju. Ich habe ihnen versprochen dort vorbeizugehen, und dem Besitzer ein grosses Dankeschön auszurichten. Er hat ihnen eine Tasche mit Kleidern per Bus nachgesendet, echt superfreundlich. Er ist aber an diesem Tag nicht zu Hause. Ohne ihn spricht hier Niemand Englisch, aber es gibt dennoch gutes Essen, freundliche Leute und einen angenehmen Schlafplatz.

Am nächsten Morgen kommt dann, wovor mich die Iselins gewarnt haben: Es gilt, einen Fluss per Fähre zu überqueren. Ich habe ziemlich lange, bis ich die Fähre endlich gefunden habe, sie befindet sich irgendwo über die Felder in einer Schlucht. Und die Schlucht hat es in sich, es ist der Ausläufer des berühmten Tiger Leaping Gorge, einer der tiefsten Schluchten der Welt. Ich muss mein Rad abpacken, und alles einzeln über kleine, Steile Wanderwegchen heruntertragen. Als alles unten ist, ist aber immer noch weit und breit kein Fährmann in Sicht, nur am gegenüberliegenden Ufer wartet bereits eine Frau zum Übersetzen. Nach einer Stunde warten wird die Fähre am anderen Ufer dann endlich beladen, und bald darauf darf ich auch übersetzen. Dann beginnt die Schlepperei wieder, ich muss nämlich alles wieder hoch. Auf dieser Seite ist zum grössten Teil sogar eine Strasse vorhanden, aber so steil, dass ich dennoch stossen muss.

Oben verstehe ich noch eine Richtungsanweisung eines Bauern falsch, und bis ich dann endlich die Strasse nach Shangri-La gefunden habe, ist es schon fast Mittag. Also mache ich zuerst einen Essens-Stop in einem Restaurant, bevor es dann über einen ersten Pass geht. Die Strasse bleibt wirklich wenig befahren und gut ausgebaut, nur selten begegnet mir ein Kleinlastwagen oder ein Auto. Dafür geht es auch ganz schön rauf und runter, und weil ich so spät mit Fahren angefangen habe, ist es schon bald Abend. Ich bin nicht sicher, wo ich bin, finde aber einen Zeltplatz wo mich nicht gerade Jedermann sieht. Ich nehme die Gelegenheit war und schlage zum ersten Mal seit Kambodscha mein Zelt auf und nehme den Kocher in Betrieb. Am nächsten Morgen merke ich dann, dass ich kurz vor Haba war, wo es eigentlich Unterkünfte gegeben hätte. Ausserdem wollen mich die Dorfbewohner zu einer Sehenswürdigkeit locken, können mir aber nicht erklären was sie wäre. Mich zieht es weiters - beim Blick zurück stelle ich dann fest, dass es Sinterterassen gewesen wären.

Die Strasse geht immer steiler rauf und runter, und ich komme auch schon in ganz anständige Höhen hinauf, nicht mehr weit von der 4000-Meter-Marke entfernt. Weiters oben weichen die Reisterassen und steilen, bewaldeten Hügel allmählich Föhrenwäldern, die von weiss und rosarot blühenden Büschen durchsetzt sind. Hier herrscht Frühling, und es errinnert mich fast etwas an die Alpen. Da ich die Höhe und die vielen Steigungen noch nicht so gewohnt bin, beschliesse ich ungefähr dreissig Kilometer vor Shangri-La noch einmal zu übernachten. Ich finde auch gleich einen schönen Platz inmitten von blühenden Büschen. Dieses Mal merke ich aber, dass es wirklich keine schlechte Idee war, mir den warmen Schlafsack nachsenden zu lassen. Mein leichter Schlafsack ist hier schon ziemlich im Grenzbereich!

Am nächsten Morgen kommt dann eine ziemlich lange Abfahrt durch schöne Täler mit Weideland, voller Yaks. Oder wohl eher Yak-Kuh-Kreuzungen, denn richtige Yaks habe ich grösser und befellter in Erinnerung aus Nepal. Anscheinend ist es eine Gegend, in der das Volk der Lisu wohnt. Das steht auf jeden Fall auf der Mautstelle die mir begegnet, dieses Mal muss ich aber nicht bezahlen. Es wimmelt von "Öko-Tourismus"-Dörfern und Touristenbussen. Zuerst bin ich echt beeindruckt von den Häusern. Sie sind meist doppelstöckig, wunderschön verziert und haben eine Veranda, die von vier wirklich mächtigen Baumstämmen gestützt wird. Allerdings stelle ich schnell fest, dass hier wohl nicht mehr vieles Authentisch ist, denn es wird fleissigst gebaut, und alles schaut aus wie kopiert. Dazwischen sieht man einzelne ältere Häuser, viel weniger verziert, dafür viel individueller und meist einstöckig. Ich überlasse die Gegend also den "Öko-Touristen" in ihren riesigen Geländewagen und halte Richtung Shangri-La.

Shangri-La

Shangri-La stellt sich dann als ein Chinesisches Städtchen heraus, das eine einigermassen sehenswürdige Altstadt besitzt. Immerhin halten sich hier die Touristenmassen in Grenzen, ich fühle mich viel wohler als in Lijiang oder Dali. Shangri-La klingt übrigens wahnsinnig mystisch, nicht? Nun, eigentlich hiess der Ort bis vor kurzem noch Zhongdian, aber ein Chinesisches Tourismus-Ministerium hat herausgefunden, dass sich Shangri-La genau hier befinde...

Kevins Trekker Inn ist schnell gefunden, und mein Paket wartet schon auf mich. Es ist ziemlich ramponiert, aber zum Glück war der empfindlichste Teil des Inhalts Schokolade. Die schmeckt auch gequetscht noch ;-) In den zwei Tagen in Shangri-La wechsle ich die Reifen an meinem Rad und geniesse noch einmal - möglicherweise zum letzten Mal vor Chengdu? - westliches Essen und gutes Internet. Ausserdem treffe ich noch einen Japanischen Radler, sein Blog (leider nur in Japanisch) ist www.blogs.yahoo.co.jp/yangci. Er ist in Australien vom Backpacken aufs Rad umgestiegen und mit schmalem Budget unterwegs. Deshalb übernimmt er auch gleich den besseren meiner alten Reifen. Nun ja, ein-, zweitausend Kilometer wird der es schon noch machen...

Shangri-La nach Litang

Auf diesen Teil habe ich mich schon lange gefreut. Von Berichten anderer Radfahrer weiss ich nämlich, dass es in diesem Abschnitt richtig losgeht: Hier verläuft die Grenze, wo das traditionelle Tibet beginnt, und auf dieser Strecke warten auch schon mehrere Pässe mit über 4500 Metern über Meer auf mich. Leider regnet es, doch am ersten Tag macht mir das noch keine grossen Sorgen. Die Strasse ist  gut, wenn auch recht schmal. Zumindest scheint es so, wenn man von den grossen, überladenen Lastwagen überholt wird, die über diese Strasse nach Kangding fahren. Aber sie ist gut ausgebaut und den grössten Teil der Zeit nicht stark befahren. Die Nacht verbringe ich dann wie geplant auf dem ersten Hohen Pass, auf 3900 Metern über Meer. Leider ist es immer noch regnerisch, und deshalb ziemlich kalt und feucht.

Am Morgen lichten sich die Wolken, und nur knapp höher sehe ich Schnee liegen. Jetzt bin ich wirklich froh, dass ich meinen warmen Schlafsack dabei habe! Die Abfahrt wird ebenfalls bitterkalt, trotz zwei paar Handschuhen, normalen Kleidern und Regenkleidern darüber. Bald geht es auch schon wieder aufwärts, und ich fahre wieder ohne Regenkleider - trotz häufigem Nieseln schwitze ich. In Wengshui gibt es einen Essensstopp, und danach kommt was ich bereits gefürchtet habe: Die asphaltierte Strasse X-219 hört auf, und sie weicht einer übelsten Schlammpiste! Die Kombination aus Regen und überladenen LKWs auf einem schmalen Feldweg ist echt nichts für Radfahrer. Der Boden ist ausserdem so klebrig, dass ich nur wenige hundert Meter nach Beginn der Piste meine Schutzbleche abnehmen muss - meine Räder blockieren dauernd. Auch so bleibt noch so viel von dem Dreck an meinen Reifen kleben, dass es an der Gabel bremst!

Wenn ich an eine Stelle komme, wo die Lastwagen sich jeweils kreuzen können, bleibt meist nur stossen. Es schaut aus wie ein frisch umgepflügter Acker, und mein Rad, Gepäck und ich selbst dem entsprechend... Nach nicht einmal fünfzig Kilometern verlässt mich die Motivation, als ich ein verlassenes Haus mit Rasen und Bach daneben finde, und ich schlage mein Zelt auf. In den feuchten Kleidern wirds wieder schnell kalt, ich bin hier doch schon auf 4000 Metern, obwohl noch ein Stück vor der Passhöhe. Das Umziehen macht dann auch "weniger" Spass, ist aber notwendig. In den - auch nur leicht - feuchten Kleidern schlafen wäre unvernünftig, das kühlt nämlich selbst im Schlafsack. Und das heisst, am nächsten Morgen auch, wieder die feuchten Sachen anziehen, denn der Vorrat an trockenen ist begrenzt. Am nächsten Morgen sehe ich dann auch, dass sich der Regen in Schnee verwandelt hat, immerhin werde ich jetzt weniger nass. Ich habe dennoch Mühe, aus dem Schlafsack zu kriechen. Danach finde ich die Motivation zum Weitersfahren aber recht schnell, so kriege ich wenigstens warm! Die Piste ist jetzt auch besser, wohl weil der Boden hier zum Teil schon geforen ist. Die ca. acht Kilometer bis zur Passhöhe werden dank kaltem Wind aber trotzdem unangenehm. Immerhin regnet oder schneit es jetzt fast nicht mehr, zum Teil sehe ich sogar ein kleines bisschen Sonne ;-)

Als ich die Passhöhe erreiche, bin ich aber mitten in einer saukalten Wolke, und muss sofort ein paar warme, schützende Sachen überziehen. Danach gibts natürlich ein kleines Fotoshooting, immerhin mein erster Pass über 4000 Meter über Meer ;-) Kaum fertig, hält ein Geländewagen neben mir, das Fenster öffnet sich und der Fahrer streckt den Daumen hoch. Nicht aussergewöhnlich hier, den Chinesen scheine ich irgendwie Eindruck zu machen. Aber dann drückt er mir spontan eine Büchse mit Essen in  die Hand, winkt mir nochmals zu und braust davon - und ich stehe baff da.

Die Abfahrt erweist sich nicht als all zu lange, bald geht es geradeaus und sogar wieder aufwärts, und es ist auch weit und breit keine Siedlung in Sicht - beziehungsweise nur weit unten im Tal. Also esse ich kalt und fahre weiters. Die Strasse hat inzwischen einen neuen Namen gekriegt - G-217. Diese Bezeichnung wird mich noch eine ganze Weile begleiten. Das Wetter hat sich stark gebessert, es ist nur noch bewölkt. Allerdings ist der Wind manchmal auch ganz schön kalt. Den zweiten Pass erreiche ich dann schon ziemlich spät, die Strasse ist hier nicht mehr schlammig, aber immer noch ungeteert und schlecht, und ich darum recht langsam. Während der Abfahrt wird sie noch schlechter, aber auf dieser Seite hat es glücklicherweise nicht geregnet. Dafür muss ich ein paar Male den Atem anhalten, so sehr staubt es wenn ich einem anderen Fahrzeug begegne.

In Ranwu komme ich dann endlich wieder auf eine Teerstrasse - und was für eine: Eine richtige Rennstrecke. Perfekt Asphaltiert und extrem steil. Ich brause statt mit Zehn Kilometern pro Stunde wie vorhin plötzlich mit deren Siebzig den Berg herunter. Leider hat das dann bald ein Ende, und die restlichen Kilometer bis Chaktreng ziehen sich noch einmal gehörig. Ich finde ein Hotel - oder besser es findet mich. Die Besitzerin scheint extrem freundlich zu sein, allerdings hört ihr Hauptinteresse an mir auf sobald ich bezahlt habe. Egal, ich bin todmüde, es gibt Essen eine Dusche und ein Bett, mehr will ich nicht.

Hohe Berge und viele Einladungen

Der nächste Tag wird dann echt super. Kaum bin ich losgefahren, begegne ich dem Geländewagenfahrer vom Vortag wieder. Er ist wirklich begeistert von mir ;-) Mit Hilfe seiner Tochter, die Englisch spricht, werde ich eingeladen zum Essen in seinem Geschäft. Er ist im Management-Team eines Staudammprojektes. Ich werde umschwärmt vom ganzen Team und deren Töchtern, kriege Kaffe, Essen und muss Fragen beantworten und mit allen für ein Fotoshooting herhalten. Am liebsten würden sie mich gleich dabehalten, aber mich zieht es weiters. Irgendwie bin ich ein bisschen ungeduldig, weil ich wegen meinem Paket so lange warten musste...

Kurz darauf wollen mich auch noch eine Gruppe Tibeter zum Essen einladen, aber ich bin wirklich satt und muss ablehnen. Eine Gruppe Lastwagenfahrer offeriert mir kurz später Knabbereien und Cola, aber ich mag immer noch nicht. Am Abend zelte ich dann auf einer Hochebene vor dem nächsten Pass. Ein vorbeifahrendes Paar sieht mich, und will mich gleich auch noch einladen. Es dauert eine Weile, bis ich sie überzeugt habe, dass ich genug warm habe, und als sie dann noch sehen, dass ich auch mein Essen selbst kochen kann, getrauen sie sich, mich alleine zu lassen. Ich denke derweil darüber nach, wie gastfreundlich die Leute hier sind, und frage mich, an was es liegt. Einfach weil es so extrem scheint, mit dem Fahrrad über diese Pässe zu fahren (Mitleid)? Oder färbt der freundliche Charakter der Tibeter auch auf die anderen Bewohner der Gegend ab? Ich weiss es nicht, aber am nächsten Morgen fahre ich keine fünf Kilometer, bis mich ein alter Tibeter vor seinem Haus anhält und hineinbittet. Es gibt Buttertee, Käse und Brot. Man sieht dem Man an, dass es ihm eine echte Freude bereitet, dass mir sein einfaches Mal schmeckt - der Käse übrigens sogar vorzüglich. Er hat einen Fonduegeschmack, und das obwohl er kalt ist. Noch mehr freut er sich, als ich das Bild über dem Herd fotographiere. Es ist ein Buddhistisches Motiv, dreidimensional und offensichtlich von ihm selbst gefertig. Danch lässt er mich ohne zu zögern ziehen. Irgendwie verstehen wir uns ohne Worte besser, als ich viele Leute mit ein wenig Englischkenntnissen verstanden habe.

Nun wird die Fahrt immer besser. Noch bin ich in Nomadenland, überall sieht man schwarze Fellzelte und deren moderne Pendants aus Kunststoff, daneben Motorräder. Und natürlich Yaks, Yaks, Yaks. Ab und an halten mich die Nomaden an, aber sie sind sehr scheue Leute wenn es ums kommunizieren geht, und so ziehe ich jeweils bald wieder weiters, nehme mir aber vor bei Gelegenheit zu Fragen, ob ich bei ihnen Zelten darf. Am selben Abend komme ich auf das Haizy-Hochplateau, eine Steinwüste auf vier- bis viereinhalbtausend Metern. Das Gefühl der Weite und Stille ist unglaublich hier, und lässt sich von meiner Kamera nur ungenügend einfangen. Ich beschliesse, am nächstbesten Ort das Zelt aufzuschlagen, den Wolken zuzuschauen und die starke UV-Strahlung der Sonne (endlich richtige Wärme) zu geniessen. Leider ziehen Wolken auf, kaum steht das Zelt richtig.

Am nächsten Tag beschliesse ich, direkt nach Litang zu fahren. Gegen den Schluss zieht sich das wieder ziemlich, es sind doch fast hundert Kilometer. Kurz vor Ankunft halten mich noch ein paar Mönche an, die gerade eine Mauer um ihren Tempel erbauen. Sie sind richtig lustige Kerle und machen einen Spass nach dem andern, fangen an meine Haare, mein Bärtchen und meine Hände zu befummeln - ist halt alles ein bisschen anders und sehr viel haariger bei diesen Europäern ;-) und Spässchen mit meinem Radhelm zu machen.

Ich komme kurz vor Eindunkeln in Litang an, und finde es ziemlich hässlich, aber voller interessanter Bewohner. Die lokalen Tibeter schauen richtig wild aus, mit ihren Frisuren, Lederjacken und dem Schmuck den sie tragen. Die meisten kommen aus der Umgebung, und verkaufen hier ihre "Raupenpilze". Endlich weiss ich, was die Leute überall auf den Wiesen mit den kleinen Pickeln und Schaufeln gesucht haben. Der Raupenpilz ist eine Raupe, die von einem parasitären Pilz befallen und getötet wurde. Diese sind in der Traditionellen Chinesischen Medizin als sehr heilkräftig bekannt, und werden für horrende Preise verkauft. Eine einzige Raupe gibt bis zu dreissig Yuen, etwa fünf Franken, das Kilogramm geht in der Grossstadt für bis zu Sechzigtaussend Yuen über den Ladentisch! Dies ist neben Yaks, Pferden und tibetischen Hirtenhunden eine der Haupteinnahmequellen der Region. Ach ja, Wikipedia weiss mehr interessantes zum Thema: Chinesischer Raupenpilz.

Anonsten gibt es in Litang nicht all zu viel zu sehen, die Hauptattratktion hier ist die wunderschöne Umgebung. Endlose, grüne Weiten voller Yaks, und dahinter die weissen Berggipfel. Ich gebe meine Sachen in die Wäsche, putze das Rad, kaufe Früchte, Brot und Instantnudeln, geniesse tibetisches Essen und plane meine restliche Route bis Chengdu.

Ach ja, die erste Nacht verbringe ich in einem Massenschlag, und weil ich gerade kein Kleingeld mehr habe, werde ich gleich von meinen Chinesischen Mitbewohnern eingeladen, das Essen bezahlen sie auch noch...