Auf und Ab

Auf und ab, von Kham nach Amdo, meist ueber kleine, holprige Nebenstrassen die sich den Bergen entlangwinden und jedem Huegelchen hinauf und hinab folgen. Das Wetter wechselt manchmal stuendlich zwischen hoch und tief, kalt und heiss, Sonne, Schnee, Wind und Regen. Aber auch meine Gefuehle schwanken auf und ab, mal platze ich fast vor Freude bei einer wunderschoenen Landschaft oder einer der vielen Einladungen der superlieben Tibeter, dann wieder suche ich zwei Stunden lang ein Hotelzimmer und kriege nur ein teueres ohne Waschmoeglichkeit. Und vorallam kommt langsam aber sicher das Ende meiner Reise naeher, und dem schaue ich wirklich mit gemischten Gefuehlen entgegen.

Aber zuerst noch eine Entschuldigung an alle ungeduldigen Leser! Ich weiss, ich habe ziemlich lange auf ein Blog-Update warten  lassen. Das hat verschiedene Gruende, unter anderem war ich beschaeftigt mit dem Erstellen einer Bewerbung - ich hoffe auf eine Arbeitsstelle als Inbetriebnahmetechniker - das waere echt genial, so koennte ich auch berufsmaessig immer wieder auf Reisen gehen. Ich habe aber auch kein Update gemacht, weil es hier extrem schwierig ist, ueberhaupt Internet zu kriegen. Ich kann zwar ueber mein Mobiltelefon in's Netz, aber eben meist nur langsam - wenn ich ueberhaupt Empfang habe. Ausserdem scheint selbst das in den letzten Tagen nicht mehr zu funktionieren. Und der Gegend in der ich bin, sind die Staedte meist einfach abgrundtief haesslich - nichts was zum Bleiben und Blog schreiben anregt. Ich hoffe ihr versteht mich...

Holprige Strassen und gruene Huegel

Meine Route fuehrt mich von Litang nach Norden ueber Ganze, Serta und Baima. Mein Ziel ist es, mehr Berge zu sehen. Deshalb fahre ich mal in Richtung des beruehmtesten Berges Osttibets, dem Amnye Machen. Er ist immerhin 6862m hoch, und liegt schon ziemlich weit in der als sehr abgelegen und bergig bekannten chinesischen Provinz Qinghai. Den Tibern ist er heilig, und obwohl ziemlich bekannt, ist er doch so abgelegen, dass es nicht viele Touristen - Chinesen und Westler - ueberhaupt je dort hin schaffen. Eine Ausnahme sind die Kletterer, er ist einer der wenigen Chinesischen Berge, die zum Besteigen freigegeben sind. Mein naechster Fixpunkt ist dann der Nyenbo Yurtse, ein weiterer heiliger Berg fuer Buddhisten, und zwar weniger hoch, aber anscheinend noch schoener und eindruecklicher als Amnye Machen. Urspruenglich wollte ich auch in die Gegend von Yushu, doch leider hat es ja dort ein Erdbeben gegeben - so will ich es nicht sehen, aber fuer Auslaender ist die Provinz Yushu ja anscheinend sowieso gesperrt.

Mein Ziel, viele Berge zu sehen, verfehle ich mit dieser Routenwahl leider etwas. Nach Litang fahre ich ziemlich lange entweder ueber gruene Huegel oder durch schmale, felsige Schluchten. Bei der Routenwahl habe ich eher darauf geachtet, Rechtzeitig in Chengdu zu sein, als einen komfortablen Weg zu finden. Schon die normalen Strassen Qinghais sind haeufig in nicht all zu gutem Zustand und wenig befahren, doch die Wege die ich mir ausgesucht habe, haben es in sich. Sie sind meist nur schmale Feldwege, manchmal ausgeschildert und sogar mit Kilometersteinen versehen, manchmal nicht einmal das. Der Belag gehoert zum Uebelsten was man sich als Radfahrer mit einem ungefederten Tourenbike eigentlich antun kann. Um ein verschlammen der Piste zu verhindern - oder einfach mangels besserem Baumaterial - besteht die Piste meist aus Sand oder Erde mit eingewalzten, grossen Steinen. Um das ganze ein bisschen abwechslungsreicher zu gestalten, ist die Piste natuerlich haeufig mit tiefen Schlagloechern, noch tieferen Schlammloechern und grossen Felsbrocken versehen. Ab und an ist der Belag feiner, meist ueber flache Ebenen, dann neigt die Piste dazu, Wellblechform anzunehmen - das ist dann definitiv das Uebelste zum Fahren!

Die Landschaft entschaedigt teilweise fuer die schlechten Strassen - es ist wunderschoen hier! Gruene Huegel so weit das Auge reicht, und bei gutem Wetter ab und an ein Berggipfel, der dahinter hervorschaut. Auch die Schluchten sind wirklich sehenswert, alles schaut hier so wild aus - bis die Schlucht etwas breiter wird, und sofort ist alles voller tibetischer Haeuser, Stupas und Feldern mit Weizen und Gerste. Mit der Zeit wird das allerdings ein bisschen eintoenig, nach fast zwei Wochen Huegel-Schluchten-Diaet kann ich die hohen Berge kaum mehr erwarten! Na gut, ich bin ja die ganze Zeit auf ueber 3'000mueM, haeufig sogar auf ueber 4'000mueM, doch das merkt man hier kaum. Auch meine Atmung hat sich angepasst, ich bin ja auch seit Nordvietnam langsam, langsam am aufsteigen. Nur waehrend dem Fahren trinken geht nicht so gut - das endet regelmaessig in Erstickungsgefuehlen ;-)

Endlich Berge und dafuer wechselhaftes Wetter

Nach Baima fahre ich dann in Richtung Tarlag und Huashixiazhen nach Westen, bevor ich nur unwesentlich noerdlich davon wieder zurueck nach Osten fahre - direkt am Amnye Machen vorbei. Von Baima in Richtung Tarlag ist die Strasse endlich einmal super, zweispurig, perfekt - meist sogar in English - ausgeschildert und geteert(!). Das bleibt auch so fuer den ersten Teil in Richtung Huashixia, bevor dann  auf der Hochebene vor Huashixia der Teer wieder einmal dem altbekannten Holpersteinbelag weicht. So richtig los geht's aber, als ich dann wieder nach Osten fahre, die kleine Piste zum Amnye Machen ist wirklich uebel - entweder Wellblech oder elendiglich holprig, und ein dauerndes, steiles auf und ab, unterbrochen von kleineren und groesseren, eisig kalten Baechen.

Doch das alles stoert mich nicht! Endlich bin ich wieder in den Bergen! Links und rechts von mir ragen schneebedeckte Steinriesen auf, die Landschaft ist nur noch in den tiefen Lagen gruen und voller Fluesse, die sich aus riesigen Schluchten hervorwinden und ueber die Felsen tosen. Der Wind pfeift, und das Wetter wechselt andauernd. Am fruehen Morgen ist es manchmal absolut klar und blau, die Temperaturen entsprechend eisig. Dann kommt die Sonne und gibt einem das Gefuehl in der Sahara zu sein. Doch die intensive Strahlung verdampft schlagartig alle Feuchtigkeit am Boden, und innerhalb kuerzester Zeit ist alles voller Wolken. Ploetzlich waelzt sich dann von der Seite eine riesige, schwarze Monsterwolke voller Blitze und Donner genau ueber mich und deckt mich mit Hagel- und Schneeschauern ein. Und nur eine Stunde spaeter kommt die Sonne wieder hervor, und bald zeugen nur noch ein paar Schneerestchen im Schatten der Steine vom Wetter von vorhin.

Das macht das Fahren etwas kompliziert, ich bin immer wieder am Kleider wechseln. Die Regenkleider sind OK solange es kalt ist, aber wenn die Sonne scheint, kann ich darin nicht mehr fahren. Dann ziehe ich alles aus bis auf Hose und Shirt, und kaum komme ich ueber den naechsten Huegel, muss ich wieder alles anziehen, inklusive Handschuhen und Muetze. Wenn dann langsam alles Nass ist und der Wind so richtig pfeift, wird es richtig kalt! Auch ueber Nacht trocknen die Sachen meist schlecht, erst wenn ich wieder eine zeitlang Sonne habe, bessert es - dann aber richtig schnell!

So komme ich langsam, aber sicher dem Amnye Machen naeher und naeher. In der Nacht wird mein Zelt entweder eingeschneit, oder alle Wolken legen sich in Form von Rauhreif auf dem Boden schlafen, und am Morgen ist es klar, dafuer ist Alles mit einer Eisschicht ueberzogen - sogar im Zelt. Wenn ich versuche die Zeltluefter zu schliessen, erzeugt meine eigene Atemfeuchtigkeit denselben Effekt...

Beim Amnye Machen schaut es so aus, als ob ich wirklich Wetterpech haette, das Schlechtwetter haelt hier laenger an, nur kurz vorher bin ich sogar gezwungen mehr als einen halben Tag zu zelten. Es schneit so stark, dass man kaum etwas sieht, und ich beschliesse, hier abzuwarten, denn die Strasse fuehrt noch etliche hundert Hoehenmeter nach oben, und ich habe keine Lust, im Tiefschnee und ohne Sicht die Strasse zu suchen, waehrend ich halb erfriere. Doch am Nachmittag wird es ploetzlich ueber 25 Grad heiss im Zelt - die Sonne beginnt durchzudruecken. Ich traue der Sache nicht ganz, packe aber mal alles ausser dem Zelt. Und Tatsache - eine riesige Luecke in den Wolken kommt hervor. Ich fahre so schnell wie moeglich los, und schaffe es gerade auf den Pass, bis eine naechste Wolkenfront mich von hinten ueberfaellt. Es geht dann ziemlich lange, bis ich einen Zeltplatz finde, bis dann hat das Wetter wieder aufgeklart, und der Gipfel vom Amnye Machen schaut sogar kurz aus den Wolken ;-) Am naechsten Morgen sind die Wolken dann wieder alle weg, und ich kann noch ein paar super Fotos vom Amnye Machen schiessen, bevor ich mich auf den holprigen Weg bis zum Staedtchen Machen mache.

Von dort fahre ich dann ein Stueck dem gelben Fluss entlang, eine Abkuerzung zum Nyenbo Yurtse. Dieser ist leider ein bisschen eine Enttaeuschung, zum einen Teil wegen dem Wetter, mich stoert aber vorallem der "Nationalpark" der hier gebaut wird. Eigentlich einfach ein Zaun und ein Haeuschen in dem man Eintritt verlangt - 60RMB oder etwa 10$. Eine Frechheit, man kann hier gerade einmal drei verschiedene Fotos schiessen, Nyenbo Yurtse mit See, mit See und etwas Wiese und mit See, etwas Wiese und einer Gebetsfahnen-Stupa. Ausserdem stoert der Zaun auch noch auf den Fotos. Schade! Denn eigentlich waeren der Berg und der tuerkisblaue See davor wirklich wunderschoen...

Freundliches und unfreundliches

Eines ist wirklich schoen an Tibet: Es ist schon fast schwierig, hier einen unfreundlichen Menschen zu finden, ganz speziell ausserhalb der Staedtchen - richtige Staedte scheint es schon gar nicht zu geben. Ueberall werde ich freundlich gegruesst. Tashi Delek sagt man auf tibetisch, manche gruessen auch auf chinesisch, wohl weil sie denken, dass ich dessen maechtig bin. Die Kommunikationsbarriere ist dann manchmal auch ein bisschen muehsam. Speziell auf den ganz kleinen Wegen, wo noch kaum je ein Weisser durchgekommen ist, schon gar nicht einen den man auch noch anhalten und sogar anfassen kann. Das versuchen dann auch alle, mit dem Resultat, dass ich kaum mehr vorwaerts komme. Viel austauschen koennen wir dann jeweils doch nicht, und leider werden immer die gleichen Fragen gestellt: "Wo gehst du hin?" und "bist du alleine?". Fuer viel mehr reicht das Gestenrepertoire meist nicht aus. Meine Lieblingsfrage aber ist: "ist das Wasser in diesen Flaschen?" - naja, nach was schaut es denn aus??? Aber hier trinkt einfach Niemand Wasser pur, entweder es ist kochend heiss oder es ist Tee. Dafuer fragt seltsamerweise Niemand nach der roten Benzinflasche unten am Rahmen...

Wenn dann Alle noch ein Foto wollen, oder mich jeweils Mehrere hintereinander eine Minute lang auf Tibetisch und Chinesisch zutexten, ohne mir zu glauben, dass ich wirklich, wirklich nichts ausser Gesten verstehe, dann wird es mir manchmal einfach zu viel. Aber ab und an komme ich in ein kleines Staedttchen, und ploetzlich spricht mich Jemand ganz unerwartet auf Englisch an. Das ist mir jetzt schon mehrmals passiert, und fast ausnahmslos waren es Tibeter, die eine Weile in Indien gelebt haben - natuerlich in Dharamsala, dem Exil des Dalai Lama.

Und dann wird man ploetzlich und unerwartet von Jemandem eingeladen, das geschieht immer wieder. Manchmal sind es buddhistische Moenche, die einem ganze Mahlzeiten inklusive gesuesstem Joghurt als Dessert auftischen, oder Pilzsammel-Nomaden, die einem schon Kilometer vor ihrem Zelt abfangen und zum Uebernachten einladen. Wenn ich nach einem Zeltplatz frage, heisst es, ja ich duerfe dort Zelten, aber ich solle doch lieber zu ihnen nach Hause kommen. Der allerliebste ist ein Bauer, der mich vom gegenueberliegenden Huegel mein Zelt aufbauen sieht - ich habe geglaubt ich sei alleine - falsch gedacht. Er faehrt extra mit seinem Moto mehrere Kilometer, um mich zu sich nach Hause einzuladen, es sei doch hier viel zu kalt und regnerisch und einsam! Er hat ein so herzliches Laecheln und eine gewinnende Art, dass ich ernsthaft ueberlege, mein Zelt abzubrechen und noch zu ihm fahren.

Allerdings hat er auch einen Hirtenhund, ich habe ihn schon vorhin bellen gehoert, ueber die ganze Distanz bis zu meinem Huegel. Und wenn ich in Tibet etwas hassen gelernt habe, dann sind es Hunde. Die ersten Begegnungen sind noch harmlos, nur ein paar fiese Schocks: Eine schwarze Gestalt springt mich von der Seite an, faengt im letzten Moment an zu bellen und knurren - und dann kommt das Ende der Kette, ein Ruck und der Hund wird herumgeschleudert, waehrend ich mit klopfendem Herzen weiters fahre und mir vorstelle, die Kette waere nicht dagewesen. Es geht nicht so lange, bis ich diese Situation erleben "darf". Zum Glueck sind die nicht angeketteten Hunde meist nicht so aggressiv, viele sehen mich sogar eher als Spielzeug. Einige haben aber ihre Kette losgerissen oder wurden nicht angebunden. Diese sehen wirklich aus, als wollten sie mich auffressen, sie rennen zaehnefletschend und knurrend auf mich zu. Mir bleibt jeweils nichts anderes uebrig, als eine Vollbremsung zu reissen und die Mistviecher aus voller Kehle anzubruellen - das schuechter sogar die ganz grossen ein. Wenn man dann noch ein paar Steine wirft, beginnen sie Abstand zu halten, und ich kann mich langsam entfernen. Das funktionierte bisher sogar bei bis zu einem Dutzend Hunden auf einmal. Allerdings waren das groesstenteils Junge und weniger aggressive Exemplare... Auf jeden Fall nehme ich fuer die naechste Tibetfahrt ganz sicher ein zwei Pfeffersprays mit!

Ebenfalls sehr unfreundlich finde ich die Staedtchen hier. Sie sind ausnahmslos sehr haesslich, und einfach nicht wert, lange zu bleiben. Die Haeuser sind heruntergekommen, und selbst die Neuen sind zwar schoen geplant, aber irgendwie ist einfach alles lieblos umgesetzt und halb fertig. Auch die Strassen und Gehsteige sind meist voller Abfall, Schlamm und Loechern. Die Hotels werden - je mehr man von den grossen Staedten Kunming und Chengdu wegkommt - haesslicher und teuerer. Meist zahlt man hier fuer ein Zimmer ein Mehrfaches von dem, was man im Flachland bezahlte, Dusche und Toilette kriegt man aber nicht. Eine Gemeinschaftstoilette hat es meist, aber diese ist jeweils fast unvorstellbar haesslich. Sie besteht aus ein paar huefthohen Trennwaendchen auf einer Betonplatte mit ein paar Loechern, seit Jahren nicht mehr wirklich geputzt und komplett verschissen. In einem Hotel gibt es nicht einmal fuer jedes Geschlecht eine eigene "Toilette"... Duschen gibt es schon gar nicht. Mit Glueck finde ich dann jeweils ein oeffentliches Bad, und mit noch mehr Glueck hat dieses gerade geoeffnet. Diese Baeder hingegen sind wirklich super, richtig heisses Wasser mit genug Druck, meist auch noch eine Sauna und gegen Aufpreis eine "Massage" - das heisst ein Typ scheuert mir die tote Haut weg, bis ich knallrot leuchte. Danach fuehle ich mich echt sauber!

Ich habe aber bisher in jedem dieser Staedtchen auch mindestens eine echte, freundliche Seele gefunden, meist eine Tibeterin oder Hui (chinesischer Muslimstamm) in einem der Restaurants. In Machen hilft mir eine Tibeterin fuer eine Stunde lang ein Hotelzimmer zu finden - ueberall heisst es "Mei Yo" - also haben wir nicht. Wir gehen von einem Hotel zum naechsten, und die Antwort ist ausnahmslos Mei Yo. Das alles im kalten Regen, und sie gibt und gibt nicht auf, bis wir doch noch ein Zimmer gefunden haben - natuerlich ohne Dusche. Manche Hotels duerfen keine Auslaender aufnehmen, manche sind wirklich ausgebucht, und manchmal habe ich das Gefuehl, dass sie einfach nicht wollen... Auf jeden Fall fuehle ich mich dann regelrecht verpflichtet, im Restaurant dieser hilfsbereiten Tibeterin zu essen. Es schmeckt zwar alles Essen nach Schaf - aber daran habe ich mich ja schon lange gewoehnt ;-) Auch andere Menschen helfen mir mehr, als sie eigentlich sogar duerften. Einmal nimmt mich zum Beispiel ein Lastwagenfahrer mit, als ich noch hundert Kilometer vor Huashixiazhen mitten durch ein Gewitter mit Blitz, Donner, Wind und Hagelsturm radle. Unterwegs erklaert mir ein Mitfahrer dann gestenreich, dass es eigentlich verboten ist, Auslaender mitzunehmen! Einmal hilft mir auch ein englisch sprechender Polizist bei der Hotelsuche, oder ein Mann, der viele Jahre in Nepal gelebt hat, hilft mir, als ich vergeblich versuche, die Prepaidkarte meines Mobiltelefons aufzuladen.

Nomaden

Immer wieder begegne ich auch Nomaden. Meist sind es aber nicht die Yaknomaden, die man hier eigentlich erwarten wuerde, sondern Pilzsammler. Schon seit Jahrhunderten exportiert Tibet Pilze. Inzwischen ist Tibet die Region mit dem hoechsten durch Pilze generierten Einkommen der Welt. Die Hauptursache dafuer ist eine extreme Preissteigerung des Raupenpilzes. Von ueberall her kommen die Tibeter hierher in die Berge, um an diesem Boom teilzuhaben. Einige uebernachten jeweils in Hotels - und sind damit wohl fuer einige der "Mei Yo's" bei der Hotelsuche schuld - aber viele sparen sich die Uebernachtungs- und Anfahrtskosten und zelten gleich unterhalb ihres Sammelgebietes.

Meist sieht man einzelne oder kleine Gruppen von Zelten, aber einmal komme ich an einem Nomadendorf vorbei - dutzende, wenn nicht hunderte von Zelten. Darunter hat es sogar Laeden, und nicht wenige besitzen einen Minibus oder einen Pickup. Viele scheinen die Natur - immerhin Ihre direkte Einkommens- und teilweise auch Nahrungsquelle - sehr zu respektieren. Aber dieses Dorf ist erschreckend, hier findet ein richtige Raubbau statt. Vorallem die umliegenden Waelder muessen leiden, schliesslich brauchen alle Brennholz zum Heizen, Kochen, und Wasserkochen - fuer diese Leute die einzige Moegllichkeit, sauberes Trinkwasser zu erhalten. Ich nehme aber auch an, dass der Pilzbestand hier leidet, und ganz uebel ist auch die Verschmutzung der Baeche - alle Abfaelle werden einfach in den Bach geworfen. Freundlich, und auch sehr neugierig sind sie dennoch - sie sind schliesslich Tibeter ;-)

Wer uebrigens mehr ueber die Raupenpilze und Tibet im allgemeinen Wissen will, ist bei Daniel Winkler genau richtig. Er hat mich unterwegs voellig ueberraschend auf deutsch begruesst und mit richtig guter schwarzer Schokolade und Tipps ueber die Region versorgt. Wenn er nicht gerade Radler "ueberfaellt", leitet der auf Tibet spezialisierte Geo- und Biologe Touren durch die Gegend. Wer Tibet einmal hautnah - aber nicht per Rad - kennenlernen will, ist bei ihm wohl gut aufgehoben. Aber vermutlich kriegen auch Radfahrer, wenn sie ganz freundlich fragen, ein paar nuetzliche Tipps von ihm.

Mit den "echten Nomaden" - also denjenigen, die im Sommer mit ihren Yaks und Pferden herumziehen - komme ich hingegen kaum in Kontakt. Sie sind meist viel scheuer, winken und starren mich sonst nur an. Kein Wunder, die Pilznomaden sind haeufig ja auch Stadtmenschen mit einer gewissen Bildung, waehrend viele der Yaknomaden wohl kaum je eine Schule von innen gesehen haben. Aber auch von diesen Menschen kriege ich ein paar Einladungen. Diese Einladungen sind fuer mich dann auch viel spezieller, hier sehe ich wirklich noch tibetische Reinkultur und kriege Buttertee und Tsampa, nicht etwa Instant-Noodles. Nur die Solarzelle und das Radio stoeren das Bild etwas, und das obligatorische Moto draussen.

Tsampa ist uebrigens ein tibetisches Grundnahrungsmittel - und etwas, dass es unter anderem Namen auch in Europa einmal gab. Es handelt sich um geroestete und gemahlene Gerste. Da sie bereits geroestet ist, kann man sie roh essen. Meist wird sie mit einem Rest Buttertee von Hand zu einem Teigballen geknetet und direkt gegessen. Haeufig wird auch noch ein Stueck Butter und manchmal auch Zucker beigemischt. Wenn man in einem tibetischen Geschaeft oder bei Tibetern zu Hause lieb fragt, kriegt man auch eine Tuete davon zum Mitnehmen - in meinem Fall einfach viel zu viel ;-) Macht sich aber super fuers Fruehstueck, und denn Rest kann man unterwegs verspeisen.

Einmal laedt mich auch eine alte Frau ein. Sie stoppt mich zuerst, um ein paar Fotos von ihr und ihrem Enkel zu machen. Nun erwartet sie, dass ich ihr die Ausdrucke zusende - ich versuche immer noch herauszufinden wie... Bei ihr zuhause gibt es dann Butterbrot auf tibetisch. Ihre Tochter baeckt die runden Fladenbrote in einer Bratpfanne und serviert sie frisch. Jeder gibt ein riesiges Stueck Butter in den Tee - diese wird nun ganz weich. Jeder bricht sich ein Stueck noch warmes Brot ab und taucht es in den Tee und fischt die Butter aufs Brot - das ist wirklich lecker ;-)

Tier- und Pflanzenwelt

Tibet ist auch fantastisch, um Tiere zu beobachten. Ich sehe alles moegliche. Am haeufigsten sind natuerlich die domestizierten Tiere anzutreffen, also Yaks, Pferde, Schafe, Ziegen und die gehassten Hunde. Im Moment haben die Yaks und Pferde gerade Jungtiersaison, ueberall sehe ich grosse Gruppen junger Yaks herumtollen, sie sind richtig suess! Doch auch Murmeltiere sehe ich ueberall. Ein bisschen doof sind sie schon, anscheinend gibt es hier zu wenige Fressfeinde fuer sie. Noch ein bisschen doofer sind die Lemmings, kleine Saeugetierchen, die aussehen wie eine Maus, und sich verhalten wie ein Minimurmeltier auf Speed. Nicht selten ueberfahre ich fast eines dieser drolligen Tierchen, und wenn sie im letzten Moment merken, dass hier ein Riese angerast kommt, dann rennen sie so schnell, dass es aussieht wie im Comic, dann wenn die Beinchen zu Raedern werden. Wenn sie dann in der Panik noch den Hoehleneingang verfehlen, muss ich mich festhalten um nicht vor lauter lachen vom Rad zu fallen ;-) Leider sind sie auch eine Plage fuer das Land, in ihrer Masse sind wohl fuer einen grossen Teil der Bodenerosion verantwortlich. An manchen Orten finde ich kaum mehr genug festen Boden, um mein Zelt richtig abzuspannen, so sehr haben sie alles untergraben!

Aber auch die Vogelwelt hat es in sich hier, ich sehe alle moeglichen Voegel, von winzig klein und bunt bis zum Kranich oder den Geiern fuer die Tibet beruehmt ist - Stichwort Himmelsbestattung. Auch Geckos treffe ich hier an, und selbst auf groesster Hoehe hat es noch Insekten jeder Art. Spezielle Pflanzen gibt es ebenfalls hier, manchmal waechst mitten aus einer steinigen Einoede ploetzlich eine grosse, tulpenaehnliche Pflanze mit einer riesigen, gelben Bluete! Oder ich sehe ganze Wiesen voller Kakteen aus dem Schnee ragen. Nur Baeumen bin ich jetzt - abgesehen von ein paar armen, verkrueppelten Kreaturen - seit Wochen nicht mehr begegnet... Leider muss ich auch erfahren, dass ich ungefaehr einen Monat zu frueh in der Gegend unterwegs bin - anscheinend soll hier im Juli richtig Fruehlingsstimmung herrschen, und all die gruenen Huegel sind voller farbiger Blueten.

Das Ende meiner Reise

Ja, auch meine Reise muss einmal ein Ende haben - und dieses kommt naeher. Der Flug zurueck nach Europa ist bereits gebucht - am 30. Juni fliege ich von Chengdu nach Amsterdam, und fahre von dort nach Hause. Neben der Jobsuche bin ich auch bereits daran, meine Welcome-Back-Party und einen Vortrag zu planen. Dies wird am 31. Juli im Tretlager Winterthur stattfinden - also Termin merken! Mehr Infos folgen.

Das ist natuerlich schon ein bisschen eine komische Situation fuer mich. Einerseits habe ich noch viele Ideen, wo ich noch hin koennte, andererseits bin ich ein bisschen muede von der ziemlich harten Tour in Qinghai und wuensche fast, alles ware schon vorbei. Gleichzeitig bin ich bereits mit Planen fuer danach beschaeftig und Fahre hier doch noch. Natuerlich drehen sich die Gedanken dann darum, wie es zu Hause wohl sein wird. Komme ich zurecht, ploetzlich wieder an einen EINZIGEN Ort gebunden? Ploetzlich kein Nomadenleben mehr? Wie werde ich mit meiner Freundin - oder sie mit mir - auskommen? Wie viele Freunde habe ich noch? Und erst wieder arbeiten, nach der langen Absenz, ploetzlich wieder Jemand, der mir vorschreibt, wann ich aufzustehen und wo ich zu sein habe?

Meine Route durch Europa ist noch nicht so wirklich geplant, sie besteht nur aus ein paar Ideen - aber mehr brauchts ja auch gar nicht. Vielleicht hat ja Jemand noch einen Vorschlag oder will mich zu sich nach Hause einladen? Ich will auf jeden Fall so viel wie moeglich mit Warmshowers, Couchsurfing und BeWelcome uebernachten und sonst zelten oder Bauern um Asyl im Stroh zu bitten. Natuerlich sind auch Mitfahrer willkommen - einfach zu meinem Bedingungen. Diese sind einfach: Nur nicht zu viel planen und spontan fahren so lange wir Lust dazu haben!